• Maurice Bouillon

Oliver Pocher und das Spiegelbild der Influencergemeinde

Aktualisiert: März 29

Das Lachen in den Zeiten des Corona



Quarantänezeiten müssen nicht zwangsläufig Zeiten der Langweile sein. So stieß ich diese Woche auf ein Drama, welches zukünftige Chronisten wohl nur als den Tag bezeichnen werden, an dem sich der hasserfüllte Oliver Pocher über das halbe Internet hermachte. Vielleicht war es auch weniger ein Drama und mehr eine Komödie… Weiß nicht mehr, gelacht habe ich aber.


Was haben zum Beispiel ein namenloser Anwalt, der Comedian Oliver Pocher und die halbe Influencergemeinde mit unserer im Wandel begriffenen Arbeitswelt, einem irgendwie gestörten Selbstbild und Ludwig von Mises zu tun?


Keine Angst, es folgt kein drittklassiger Treppenwitz, sondern die Aufarbeitung eines surrealen, aber zutiefst humoristischen Themas, welches sehr ernst wird, nur um wieder wirklich lustig zu werden. Und im Ergebnis wahrscheinlich das eine oder andere über uns alle aussagt. Popkultur und Kultur verbinden sich zu einer griechischen Komödie. Nicht die Liebe in den Zeiten der Cholera, sondern eher das Lachen in den Zeiten des Corona. Mit dem Unterschied, dass keine Briefe, sondern Videobotschaften ausgetauscht werden, deren Inhalt etwas abweicht.


Der namenlose Jurist


Doch wo beginnen? Nun, vielleicht eben dort, wo jede große Geschichte ihren Anfang nimmt, im Kleinen:


In jedem verdammten zweiten Staatsexamen sitzt jemand, der niemals Jurist werden wollte, dessen Eltern ihm dies aber irgendwie einredeten oder besser gesagt eine andere Sache ausredeten. So auch ein namenlose Jurastudent, der früher einmal ein ausgezeichneter Gamer war. Die Maus hing er aber an den Nagel, als einem solchen Berufsfeld keine Zukunft eingeräumt wurde. Doch wie das Leben so spielt, gewann sein alter Clan vor wenigen Monaten die „League of Legends World Championship“. Das Finale wurde live von über 200 Millionen Menschen geschaut und der Pokal war mit 1 Million $ dotiert. Der namenlose Jurastudent scheiterte währenddessen ein zweites Mal daran, einen Beruf zu erringen, den es in einer Welt der künstlichen Intelligenzen und Smart Contracts wahrscheinlich nur noch vereinzelt geben wird.


Was will ich damit sagen? Nun, so schnell wie sich unsere Welt verändert, so schnell verändern sich auch unsere beruflichen Anforderungsprofile. So gab es viele neuartige Berufe vor 10 Jahren noch nicht, darunter auch jenen des Influencers, doch was hat Oliver Pocher damit zu tun?


Der erste Akt – Exposition


Der erste Akt beschreibt immer was geschah und stellt die Figuren vor. Fassen wir also Mal zusammen:


Oliver Pocher nahm sich in seiner Funktion als Comedian verschiedene Influencer vor, welche sich an das damalige (noch) Gebot der sozialen Distanzierung nicht gebunden fühlten. Diese ignorierten es und ließen uns alle daran teilhaben. So sah man sie im Urlaub in Dubai, irgendwo anders von Strand zu Strand pilgern oder sich auf den Weg nach Ibiza machend (nicht per Flugzeug, denn diese flogen schon nicht mehr, sondern im Auto). Allgemein schien es so, als störten sich einige Influencer nicht so recht am allgemeinen Zustand, wahrscheinlich sogar ihr gutes Recht, welches ihnen niemand absprechen kann. Dennoch dokumentierten sie ihr Verhalten öffentlich: Auftritt Pocher!


Oliver Pocher nahm sich einen nach dem anderen in Form von satirischen Kommentaren vor. Lustig anzusehende Videos, welche zu weiten Teilen auf den Realitätsverlust einiger Influencer anspielen sollten. Eine gelungene Aktion, betrachtet man auch den Followerzugewinn der Instagramseite Pochers. Er berührte etwas in den Menschen durch sein Tun.


Jetzt begann das Thema aber erst wirklich. Denn die auf die Schippe genommenen Influencer reagierten beißreflexartig. All dies ging etwas hin und her, bis letztlich der Kirchenbann des Internets über Oliver Pocher gesprochen wurde. Der Comedian war nun Hetzer, Aufwiegler und jemand der Hass schürte.


Unsere Komödie geht hier in ihren zweiten Akt über, in jenen der Konfrontation.


Der zweite Akt – Die Konfrontation


Was ist nun in erster Linie interessant? Wohl zwei Fragen:

  1. Was hat Oliver Pocher überhaupt getan?

  2. Schürt Oliver Pocher wirklich Hass?

Dem lieben Herrn Pocher kommen in seiner Funktion als Comedian verschiedene Aufgaben zu. So wie der Autor den Zeitgeist auffangen muss und durch ihn kollektive Wahrheiten wieder mit subjektivem Wert aufladen sollte und der Maler ein perspektivisches Problem durch die Abbildung eines ihn umtreibenden Momentes löst, so muss der Comedian in seiner Funktion als Trickster die göttliche Ordnung aus dem Gleichgewicht bringen.


Schön und gut, doch was genau hat Pocher getan? Ruhig Blut, noch einen kleinen Einschub:


Wir nehmen andere Menschen nicht gerne in ihrer vollumfänglichen Komplexität wahr, können wir auch nicht, dies würde unsere Fähigkeiten übersteigen. Deshalb müssen wir anstelle des Menschen Oliver Pocher, den wir nur bedingt kennen, die Kunstfigur besser beleuchten. Denn nicht dem Menschen wird etwas vorgeworfen, sondern der Kunstfigur.


Der Comedien und der Trickster


Oliver Pocher begleitet mich schon mein ganzes Leben und ebenso lange ist er eine kontroverse Figur. Ich erinnere mich noch daran, als ihm von Moritz Bleibtreu warme Worte ans Herz gelegt wurden: „Oliver du musst wissen, Provokation alleine… ja, ohne Hintergrund… ja, ist nichts wert. Das ist vielleicht ein Mittel, um Mal ein paar Idioten zu beeindrucken.“ Und dann Jahre später noch wärmere Worte von seinem Co-Moderator Harald Schmidt, als er einem ausländischen Gast das zuvor an ihn überreichte „Fotzensekret“ weiterverschenken wollte: „Das ist ja jetzt völlig uncharmant, für so ne kleine Miese-Type, die wenn sie Fotzensekret überreicht bekommt, erstmal so klein mit Hut ist und dann einem ausländischen Gast das so reinsemmelt, die kein Deutsch versteht, ist uncool. Oliver Pocher, nächstes Mal hat ers begriffen.“


Eben dieses Kontroverse macht aber seinen Charme aus. Ein guter Comedian muss Mal in die Scheiße gegriffen haben. Denn dem Grunde nach bewegt sich guter Humor immer an der Grenze zum Ertragbaren. Doch hat der liebe Oliver Pocher es jetzt übertrieben?


Schürt Herr Pocher Hass? Kurz gesagt: Nein. Aber die Begründung ist entscheidender als die Antwort, denn die Aktion von Pocher führt zu einer Entladung des Hasses über die verschiedenen Influencer.


Was sind Comedians an sich, was ist Comedy? Ich betrachte Kunst gerne im Licht ihrer gesellschaftlichen Aufgabe und der Comedian vereint die Aufgaben des Tricksters in sich.


Der Trickster ist in Legenden, Mythen und Literatur immer eine Figur, welche die göttliche Ordnung durcheinanderbringt. Auf einer psychologischen Ebene betrachtet, verwirren Trickster durch die Technik der Spiegelung. Dies meist auf so geschickte Art und Weise, dass sich der Betrüger durch die Handlung des Tricksters selbst betrügt. In einem gesellschaftlichen Zusammenhang würde man wahrscheinlich von einem Ausgleich sprechen.

Comedians nehmen Strömungen in der Gesellschaft wahr, sie machen Probleme aus und scherzen dann darüber. Dies sorgt unvermittelt dafür, dass alle Augen auf dieses Problem gerichtet werden. Kein Problem ist zu klein oder zu heilig, um beleuchtet zu werden. Der Comedian bricht Stigmata auf und lässt Tabus hinter sich. Dies gelingt ihm aber nur dann, wenn er den Mut besitzt, wirklich ALLES komisch zu finden. Mit anderen Worten darf es für den Trickster und für den Comedian nichts geben, was nicht irgendwie komisch ist. Trifft er auf eine solche Sache, ist es ihm unmöglich geworden auf die jeweiligen Probleme im Zusammenhang mit dieser hinzuweisen.


Kultur bedeutet Tradition, aber etwas, das nicht mehr wächst, stirbt. Dem Trickster kommt die Aufgabe zu, etwas Neues anzustoßen. So gesehen weist er auf Dekadenz, Eitelkeit, Selbstgerechtigkeit und heilige Erhöhung hin.


Oliver Pocher überzeichnete das Verhalten verschiedener Influencer satirisch, hielt ihnen somit einen Spiegel in seiner Funktion als Trickster vor und hat nicht in die Scheiße gegriffen, wie in den zuvor dargestellten Beispielen. Auf welches Problem wies Oliver Pocher aber hin?


Auf das Problem des verantwortungslosen Verhaltens von Menschen die eine unfassbare Reichweite haben. Menschen, die selbstgerecht dazu aufriefen Zuhause zu bleiben und sich gleichzeitig darin gefielen eine Sonderstellung einzunehmen. Frei nach der Praktik des scheinheiligen Gurus: Wasser predigen und Wein saufen.


Die liebe Influencergemeinde reagierte nun auf die Vorwürfe Pochers und was soll ich sagen: Es war eine vernünftige, weitsichtige, einräumende, einlenkende und reflektierte Antwort, welche uns alle Staunen ließ… Nun, nicht wirklich, ein Beißreflex beherrschte die meisten Reaktionen. Frei nach einer einfachen Formel: „Ich finde es ja voll lustig was du machst, aber (beliebigen relativierenden Nonsens einsetzen).“ Der Ball war danach wieder auf Pochers Seite und dieser hielt erneut den Finger in die Wunde. Gleichzeitig bemerkten viele Menschen, was ihnen im von Oli aufgestellten Spiegel gezeigt wurde und Wut kam auf. So schrieben sie den Influencern privat und vieles davon war, gelinde ausgedrückt nicht das Produkt einer guten Kinderstube.


Wahrscheinlich wäre die gesamte Pocheraktion ohne Reaktion vollkommen im Sande verlaufen. Dennoch kam es zum oben beschriebenen Beißreflex, doch wieso?


Der dritte Akt – Der Beißreflex des Betrügers


Wieso wurden also die Influencer das Objekt von Pochers Spott? Geschenkte Frage: Weil sie etwas an der Realität vorbei lebten. Trotz Pandemie war der Dubaiurlaub wichtiger, die eigenen Nägel schienen zentraler zu sein und das Strandfoto dringlicher.


Was motivierte aber letztlich die lieben Influencer dazu, auf ihre Art zu reagieren? Hierzu muss man das Geschäftsmodell dieser „Werbebotschafter“ erklären und dessen Einfluss auf deren Persönlichkeit.


Influencermarketing boomt und ist erfolgreicher als die meisten Werbespots im Fernsehen, auf unseren Handy oder das Werbebanner um die Ecke. Doch wieso? Zwei Faktoren spielen hierbei eine Rolle, das Schnäppchenphänomen und Vertrauen. Follower bringen ihren Influencern unfassbares Vertrauen gegenüber. Diese bieten dann mit einem Rabattcode ausgerüstete „Herzensprodukte“ an und erklären zusätzlich noch die tausenden Vorteile eines solchen Produkts.


Werbung zu machen, ist nicht per se moralisch verwerflich, im Gegenteil sogar, Werbung erfüllt einen gewissen Nutzen. Doch wann erfüllt Werbung einen Nutzen?


Dem Marketing, also der Vermarktung, an sich kommen viele Aufgaben zu, doch allem voran soll dieses den Konsumenten verführen und hierfür informieren. Dies zumindest tut gutes Marketing, weniger gutes Marketing manipuliert den Kunden. Es ist ähnlich dem Verführen einer schönen Frau oder eines schönen Mannes. Sie zeigen diesem oder dieser schon ihre besten Seiten, versuchen zu gefallen und sind reizend. Fahren sie aber mit einem geliehenen Auto vor, tragen gefälschte Luxusartikel und erfinden einen Job, den sie niemals bekommen würden, hat dies nichts mehr mit Verführung zu tun, sondern ist knallharte Manipulation.


Die österreichische Schule der Ökonomie besitzt das psychologisch komplexeste Menschenbild, welches von Ludwig von Mises in seinem Meisterwerk „Human Action“ dargelegt wurde. So beschreibt dieser, dass der Wert eines Produktes immer letztlich vom Konsumenten bestimmt wird und dem ist auch so. Möchte der Kunde nämlichen einen bestimmten Preis nicht zahlen, dann kann das Produkt noch so gut und ebenso teuer in der Produktion sein, der Konsument wird es für diesen Preis nicht erstehen.


Bewertungen sind aber zutiefst subjektiv und eben dort will man den Kunden etwas verführen, dies macht gutes Marketing aus. Verführung ist also das positive Aufhübschen einer guten Sache und das Herbeiführen einer Entscheidung, wobei Manipulation das Gegenteil darstellt, die Illusion einer substanzlosen Lüge, welche eine Entscheidung herbeiführt.


Dem Influencer obliegt die Macht beides zu praktizieren und eben hier scheiden sich die Geister. Unser berufliches Umfeld verändert sich gerade auf eine Art und Weise, wie schon seit der letzten industriellen Revolution nicht mehr. Dennoch muss die Frage immer lauten: Hat der „Beruf“ einen wirklichen ökonomischen Nutzen oder nur einen Nutzen für das Individuum.


Vergleichen wir es mit unserem namenlosen Juristen. So entging diesem eine lukrative Karriere als Gamer. Als solcher unterhält er Menschen, immerhin sahen sich über 200 Millionen Zuschauer das Finale der League of Legends World Championship an. In diesem Fall ist die Bewertung als Beruf wohl unstrittig. Der Influencer entscheidet aber selbst, ob er einen wirklichen Nutzen schafft oder nur Scharlatanerie betreibt. Verführt er die Menschen dazu neue, innovative Produkte zu kaufen oder manipuliert er sie dahingehend überteuerte Konsumware ohne Nutzen zu erstehen.


Leider ist meist Zweiteres der Fall, denn im Bereich der überteuerten Konsumwaren sind die Margen größer und die Werbepartnerschaften somit besser dotiert. Zusätzlich fallen noch „Rabatte“ üppiger aus. Verkauft man nämlich schon das eigene Produkt sowieso zu teuer, kann man es nahezu unbegrenzt mit einem „Rabatt“ versehen.


Doch wieso können Influencer uns überhaupt manipulieren? Nun, aus einem ganz einfachen Grund, Follower vertrauen ihren Influencern. Diese beeinflussen sie, wie die nette Wortneuschöpfung „Influencer“ schon anteasert.


Denn in dem Moment, indem wir einer Person vertrauen, verliert sie ihre Komplexität für uns. Deshalb nehmen wir es weniger wahr, wenn uns Influencer manipulieren, da wir der festen Überzeugung sind, sie würden das „Beste“ für uns wollen. Wir verlieren vollkommen aus den Augen, dass demjenigen oder derjenigen, der wir da folgen, vielleicht ein knallhartes Interesse daran hat, dieses oder jenes Produkt zu verkaufen.


Die Komplizierung der Influencer


Weist uns nun ein Trickster genau auf die unter Umständen schlechten Absichten jener Person hin, der wir vertrauen, löst das Zorn in uns aus. Die einen sind zornig auf jenen oder jene, der sie betrogen hat und die anderen wollen in ihrer Illusion verbleiben und entladen ihren Zorn dann an der Person Oliver Pocher.


Jedoch wäre Oliver Pocher allein niemals stark genug gewesen so viele Menschen aus ihrer Illusion zu reißen, dies geschah durch die Reaktion der Influencer.


Oli Pocher komplizierte also die Influencer und diese sahen, betrachtet an ihrer Reaktion, darin eine Gefahr für ihre Person und ihr Geschäftsmodell. Was ist also die Person des Influencers? Wieso wird der Trickster der Influencergemeinde so gefährlich?


Das Selbstbild eines Influencers


Carl Jung konzipierte den Begriff der Persona, diese bezeichnet in der Psychologie eine nach außen gerichtete Einstellung eines Menschen. Am ehesten mit einer Maske zu vergleichen, welche wir in der Öffentlichkeit tragen und die in ihrem Aussehen dem sozialen Anspruch entspricht.


Es ist jene Maske, welche wir aufziehen, wenn wir in einem Vorstellungsgespräch sitzen. Generell besteht die Gefahr, dass man das Selbstbild mit dieser Persona verwechselt. So ist es vielen Menschen nicht wichtig, wer sie eigentlich sind, sondern sie legen eher Wert darauf, welche Stellung sie einnehmen und wie andere sie sehen.


Nun ist der Vergleich mit dem Vorstellungsgespräch sehr passend, denn die lieben Influencer haben den Vorstellungsgesprächsmodus immer an. Sie stellen sich jeden Tag vor. Ganz allgemein werden wir in einem Vorstellungsgespräch nämlich bewertet und diese Bewertung entscheidet darüber, ob wir eine Anstellung bekommen oder eben nicht. Wir sind abhängig von der Bewertung des Gegenübers. Trotzdem besteht die Gefahr der Übertreibung i.d.R. nicht, denn spielen wir im Vorstellungsgespräch einen völlig anderen Menschen, wird dies unserem Arbeitgeber recht schnell auffallen. Das Internet besteht nun aber nur aus Momentaufnahmen, die zudem noch gestellt und durch einen Filter aufgehübscht sind.


Dies birgt eine entscheidende Gefahr speziell für Influencer und zwar zur eigenen Parodie zu werden. Eben zu einer Puppe mit konzipiertem Look, aufgesetzter Attitüde und gespielten Handlungen, welche ihr gesamtes Verhalten auf ein Publikum ausrichtet. Der Mensch als solcher verschwindet vollkommen. Noch mehr als das, denn Selbstbild wird zu Persona, der Mensch wird zur Puppe, der liebe Influencer zur Selbstparodie.


Aus diesem Grund fielen die Reaktionen der Influencer auf Pocher im ersten Moment so heftig aus. Denn diese sind zu weiten Teilen schon zu jener Maske geworden, welche sie für ihre Follower kultivierten. Deshalb greift Pocher nicht nur ihr Geschäftsmodell an, sondern ihre Existenz selbst. Denn indem er sie demaskiert, ist es, als würde er ihnen nicht nur eine Maske vom Gesicht reißen, sondern das gesamte Gesicht gleich mit.


Wenn das eigene Spiegelbild ohne Filter unerträglich ist


Doch dies macht Oliver Pocher geschickt, indem er nichts als einen Spiegel zeigt. Es ist die Eigenreflektion, welche für diese Menschen nicht zu ertragen ist. Die göttliche Ordnung wurde durch den Trickster gestört, der Vorhang ist gefallen und der Betrüger wurde durch einen einfachen Spiegeltrick zum Betrogenen.


Oliver Pocher mag den Spiegel in seiner Funktion als Trickster gehalten haben, aber durch ihre Aktionen und vor allem ihre Reaktionen auf das eigene Spiegelbild, haben die Influencer hineingeblickt und sich dadurch selbst demaskiert.


Vielleicht hat die ganze Aktion unter diesem Licht betrachtet sogar einen langfristigen Effekt, wenn einige erkennen, dass 15 € Tees das Leben genauso wenig verändern, wie ein 2 € Tee und es unter Umständen nicht dem Kindeswohl entspricht dieses auf Instagram darzustellen und ein ums andere Mal ins Rampenlicht zu zerren. Denn die hehre Aufgabe der Eltern ist es, das Kind auf das Leben vorzubereiten und was lernt es aus einem solchen Leben mehr, als dass nur die Maske zählt und nicht das eigene Selbst.


Was nutzt einem kleinen Kind ein Instagramaccount? Nichts, sogar mit Sicherheit nichts. Was nutzt er den Eltern? Nun, dort muss ein ganz klarer monetärer Nutzen die Begründung sein. Man stellt also das eigene Kind zur Schau, um die Marke, im Falle verschiedener Influencer sie selbst, etwas aufzuwerten. Eine bestimmte Zielgruppe wird hierdurch gelockt und bedient.

Nach dem Kinde fragt aber niemand wirklich, zumindest nicht nach dem Kinde als komplexes Wesen. Sondern eher als Objekt dessen „zuckersüßer“ Anblick die „Fans“ erfreut. Ich komme leider nicht umhin es mit einem Zoo zu vergleichen, nur verlangt man vom gefangen Tier nicht still zu sitzen, Makeup aufzutragen und viel zu enge Kleider anzulegen. Denn letztlich zählt es ja nicht wer man ist, sondern was man darstellt. Die Frage: Was soll ich mit meinem verdammten Leben nur tun? Wird von einer anderen ersetzt: Wer bin ich wohl, wenn ich diese Kleider anhabe und diesen Filter drauflege?


Doch wo stehen wir jetzt? Nun, war es bis zu diesem Moment noch komisch und entlarvend, so wird es nun grotesk. Denn wie die Influencer nach ihrem anfänglichen Beißreflex und der erneuten Reaktion Pochers die Sache zu beenden versuchten, zog mir die Schuhe aus und ist auch der Grund für diesen Text.

Die Komödie wandelt sich in die Groteske: Zynismus und Selbstgerechtigkeit


Wie reagierten die Influencer? Nun, indem sie das einzige taten, was sie konnten – sie wurden erneut zu ihrer Maske. Menschen, die eben mal noch schnell im Nagelstudio waren und durch vier Länder fuhren, bekräftigten nun voller Pathos, dass sie zuhause bleiben, in der Zeit, in der sie eben Zuhause sind. Und in der Zeit, in der sie es nicht sind, nun, das ist eine andere Geschichte…


Es gibt nur wenig Schlimmeres als Selbstgerechtigkeit, etwas nur zu tun oder zu sagen, weil man der Meinung ist, es könnte gut ankommen. Im Falle des Videos zum #wirbleibenzuhause und STOPPTDENHASS, wurde eine Mischmaschallianz gegen Oliver Pocher formiert. Nur vermag ich nicht mehr zu glauben, dass diese Kampagne wirklich gegen Hass gerichtet ist. Eher scheint mir Einschüchterung mit dem Mittel der Selbstgerechtigkeit das Ziel zu sein. Denn Hass gab es zu allen Zeiten im Netz, also stellt sich die Frage: „Wieso gerade jetzt?“


Der Trickster hat durch seinen Spiegel die göttliche Ordnung aus dem Gleichgewicht gebracht und nichts möchte man nun in der Influencergemeinde dringender zurück.


Man hat eben Angst um seine Werbeverträge, immerhin hat der Trickster der ganzen Welt gezeigt, wer man wirklich ist. So positioniert man sich eben Mal gegen Hass, denn wer ist nicht gegen Hass? Sticht der Hass nicht die Eitelkeit?


Es gab für die betroffenen Influencer in ihrer Situation zwei Möglichkeiten: Erstens, das eigene Fehlverhalten eingestehen, sich ehrlich machen und entschuldigen. Zweitens, eine Nebelkerze zünden und eine riesige Imagekampagne lostreten, die einen Selbst als wackeren Kämpfer gegen Hass darstellt.


Man hat sich in den erlauchten Kreisen für Möglichkeit Zwei entschieden. Deshalb muss eine weitere Frage erlaubt sein: Sind die lieben Influencer einfach schlecht beraten oder scheißen die Managements dieser Personen auf die Integrität ihrer Klienten? Oder ist es gar noch etwas schlimmer und scheißen die lieben Influencer auf ihre Follower, weil sie genau wissen, dass es denen vollkommen egal sein wird, wie heuchlerisch und selbstgerecht eine solche Botschaft in ihrem Kern ist. Diese Frage zeigt, wie zutiefst zynisch in dieser „Branche“ der Fan gesehen wird.


Es gibt natürlich noch eine weitere Möglichkeit, auf die ich insgeheim hoffe: Wir alle haben dieses perfide System durchschaut und lachen uns Zuhause einen Ast. Betrachtet man aber die Erfolgszahlen von Unternehmen, welche vermehrt Influencermarketing durchführen - nun dann ist dies wohl die unwahrscheinlichste Möglichkeit.


Schürt also Oliver Pocher Hass und ist der Autor dieses Textes ein eiserner Vertreter des Hasses im Netz? Nein und Nein. Oliver Pocher hält nur einen Spiegel vor, Masken fallen ab und einige wenige stehen ohne diese nackt da, weil nichts darunter ist, nichts was sie im Kern ausmacht. Deshalb muss man diese Maske schnell wieder dranbekommen. Und auch der Autor ist kein Freund des Hasses, nur glaubt er, dass ein halbgares Video nichts gegen diesen ausrichten kann. Was kann es jedoch dann?

Das Internet als Börse des Hasses?


Das Internet ist leider ein Ort des Hasses, weil unser Zorn keine gelenkten Bahnen mehr geht. So wie das Symbol Gottes in früheren Zeiten den Zorn durch die Drohung einer Apokalypse kanalisierte, so frei und ungezügelt ist er zuweilen heute. Denn Zorn konnte immer auf jenen Tag in der Zukunft projiziert werden, an dem dann endlich abgerechnet werden würde, eben am Tag des jüngsten Gerichts. In sozialen Netzwerken ist heute jeder Tag ein solcher.


Deshalb müssen wir uns im Zuge des Hasses, der Wut und des Zorns ein paar Fragen stellen:

- Hat Wut eine kathartische Wirkung? (geht es uns nach dem Ausleben dieser besser?)

- Wem nutzt unsere Wut?

Peter Sloterdijk hat hierzu viel zu sagen. In seinem Buch „Zorn und Zeit“ beschreibt er den Zorn als sehr energetische Emotion, eine Wahrheit, die uns allen schon einmal begegnet sein sollte, wenn der Drucker als Beispiel zum dritten Mal spinnt oder wir ein Heißgetränk über unsere Hose geschüttet haben.


Zorn will nichts mehr, als gesehen werden und ist deshalb in einem digitalen Ökosystem sehr wertvoll. Für die lieben Social-Media-Plattformen ist der Zorn schon lange zu einer ökonomischen Ressource geworden. Denn dieser erzeugt allem voran Aufmerksamkeit.


Dies nutzen Manager und Programmierer solcher Seiten gezielt aus. Entladen sie somit ihren Hass auf eine Person, verhelfen sie dieser zu Aufmerksamkeit. Nun kommt aber noch hinzu, dass Zorn nicht nur gesehen werden will, sondern auch legitimiert werden möchte und zwar von einer Sache, die über dem Zornigen steht. Deshalb ist es ein schmaler Grad irgendwelchen Menschen Morddrohungen zu senden. Oftmals kann der Motivator hierzu nämlich der unbewusste Wunsch sein, von diesen Personen gehört zu werden.


Es macht einfach keinen Sinn mit Zorn in irgendeine Richtung speziell in dieser Sache zu reagieren. Oliver Pocher mag die liebe Influencergemeinde kompliziert haben und hat dadurch die ein oder andere Illusion aufgehoben, doch gehören zu jedem Betrug immer zwei.

Deshalb sollten sie sich Fragen, wenn sich ihr Zorn auf den Trickster (Oliver Pocher) ausrichtet, was dieser eigentlich getan hat? Doch nur überzeichnet etwas dargestellt, was der Realität entspricht. Hierdurch drängt sich eine weitere Frage auf: Welches Problem habe ich mit der Realität, wenn sie nicht durch einen Filter präsentiert wird?


Sollte Ihr Zorn sich hingegen auf verschiedene Influencer entladen, muss ich Ihnen sagen, dass denen dies nur nutzt. Denn in einem solchen Fall können diese sich als Opfer stigmatisieren (wie wir bestaunen konnten). Wollen Sie wirklich auf einen Betrug reagieren, tun Sie ihnen das Schlimmste an (das Schlimmste in deren kleiner Welt), entfolgen Sie sie. Letztlich ist das Leben zu kurz.


Wie kann es Ihnen jedoch gelingen nicht mehr wütend zu sein. Denn den Zorn auszuleben macht ihn nur bedingt besser. Sollten Sie sich wirklich betrogen fühlen oder Oliver Pocher für ein riesiges Arschloch halten? Schreiben Sie über Ihren Zorn. Schreiben sie 20 Minuten darüber. James W. Pennebaker fand durch seine psychologische Forschung heraus, dass sich Emotionen abschwächen, wenn sie in eine narrative Struktur gefasst werden und dies tut unser Gehirn recht automatisch, wenn wir über etwas schreiben.


Die Entstehung dieses Textes


Vielleicht bringt Sie dieser Text ja mit einem leichten Schmunzeln durch Ihre Zeit im eigenen Heim und im besten Fall birgt er noch etwas in sich, was Sie zuvor nicht wussten. Ich zumindest habe mich köstlich über all dies amüsiert. Eigentlich wollte ich ein faires Portrait des Comedians und des Influencers schreiben. Leider habe ich auf halben Weg bemerkt, wie zynisch, selbstbezogen, abgehoben, egozentrisch, unauthentisch, selbstgerecht und flach die meisten Influencer sind und es entwickelte sich letztlich zu dem, was Sie vor sich sehen. Als Influencer müssen Sie sich deshalb eines fragen: Verführe ich oder manipuliere ich?




Quellen:

(1) Oliver Pocher (2020): Durch die Instagramseite des lieben Herrn Pocher: Viel zu viel Instagram...


(2) C.G. Jung (2018) Die Archetypen und das kollektive Unbewusste: Gesammelte Werke 9/1 (*)


(3) C.G. Jung (2011) Zwei Schriften über Analytische Psychologie: Gesammelte Werke 7 (*)


(4) Ludwig von Mises (2012) Human Action: A Treatise on Economics (*) (Eine digitale Gratisversion ist auf mises.org erhältlich: https://mises.org/library/human-action-0)


(5) Peter Sloterdijk (2008) Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch (*)