• Maurice Bouillon

Für immer schlafende Kinder: Kapitel 2 (Jo)

Dieser ganze Tag war ein Hohn, den kompletten Sommer über hatte es keinen so schönen Tag gegeben. Das Wetter konnte großen Einfluss auf die Menschen haben, ihm war es jedoch völlig gleich. Alle Mitglieder der Trauergemeinde trugen schwarz, so wollte es die Konvention und er hatte sich dieser angepasst. Momentan war es nicht hilfreich aufzufallen. Denn nur wer unsichtbar war, konnte nahezu jedes Geheimnis ergründen, es gab nichts, was ein Mensch nicht einem vermeintlich leeren Raum erzählen würde. Die eigenen Sünden fraßen einen auf, irgendwann brachen die Taten aus einem heraus und man versuchte sie vor sich selbst zu rechtfertigen und nur der Unsichtbare konnte diese stummen Geständnisse hören.


Der leitende Beamte vor Ort hatte ihm einen jungen Kommissar zur Seite gestellt, der Polizeipräsident Haber, dem das Ludwigsburger Gebiet unterstellt war, wollte sich wohl weitestgehend von dem Fall distanzieren. Zwei Tote und ein verschwundenes Kind waren selten der Anfang einer Heldengeschichte. Jo sollte es recht sein, eigentlich brauchte er niemanden, die meisten standen ihm sowieso nur im Weg. Immer wieder vergaß er den Namen des jungen Kommissars, es war schwer sich Dinge zu merken, die einem vollkommen gleich waren.


Doch Jo wusste bei diesen Gedanken, dass sie nicht zu hundert Prozent der Wahrheit entsprachen. Irgendetwas war an diesem jungen Kerl, dass ihn interessierte. Dieser jugendliche Schalk in den Augen, die Gewissheit etwas Sinnvolles zu tun, Jo kannte diesen Ausdruck und es machte ihn traurig, wie hart die Realität jeden jungen Polizisten irgendwann traf.


„Wie war wieder Ihr Name?“, fragte Joost den jungen Kommissar, der ihn mit glasigen grünen Augen anblickte.


„Schär“, sagte der junge Mann.


Die Unsicherheit war ihm anzusehen, die blonden kurzen Haare waren streng zur Seite gekämmt, der Anzug musste mehrere Hundert Euro gekostet haben. All dies war der klägliche Versuch, über das eigene Alter hinwegtäuschen zu wollen, doch das Grün hinter den Ohren war trotz aller Mühen zu sehen.


„Nenn mich Jo“, sagte Joost und nickte Schär kurz zu, um ihm zumindest einen kleinen Teil seiner Anspannung zu nehmen.


„Natürlich, wie Sie wollen“, beeilte sich Schär zu sagen. Seinen Vornamen wollte er wohl nicht preisgeben, Jo schob es aber auf die Anspannung und unterstellte keine böse Absicht. „Darf ich Sie etwas fragen?“


Jo zog die Brauen nach oben und knetete sich mit der rechten Hand das Ohrläppchen, nickte dann aber. Sein Blick ruhte noch immer auf der Trauergemeinde.


„Sie sind eine Legende und ich erachte es als große Ehre mit Ihnen, ich meinte für Sie arbeiten zu dürfen“, stotterte Schär sich die Einleitung seiner Frage zusammen. Jo nickte erneut geistesabwesend. „Warum will im ganzen Umkreis niemand mit Ihnen arbeiten?“


Die Frage traf Jo wie einen Schlag, man musste Eier haben, um eine solche Frage zu stellen. Doch Mut allein reicht für eine Antwort nicht aus. „Kluge Fragen kann jeder Idiot stellen, also was würdest Du sagen, wieso will niemand mit mir arbeiten?“, fragte Jo und blickte dem blonden Mann in die Augen, sie waren graugrün und lagen tief. Der junge Mann überlegte, doch das Leben bot nicht genug Zeit, um über jede Frage nachdenken zu können. „Oder sind Sie womöglich doch ein Idiot?“, hackte Jo nach, um seinem Gegenüber weniger Zeit zu lassen.


Schär schüttelte den Kopf, konnte aber den Mund noch immer nicht öffnen. Erst als Jo wieder zur Trauergemeinde blickte, hatte der junge Mann seine Stimme wiedergefunden. „Ich denke es hängt mit der Angst zusammen“, gab Schär als Antwort und Wut stieg in Jo auf.


„Angst ist nicht der Grund für alles, wir haben viel zu viel Angst. Wirkliche Gründe gehen tiefer“, sagte Jo und wollte weitermachen, wurde aber von Schär unterbrochen.


„Nicht die Angst vor Ihnen“, sagte der junge Kommissar und Jo wurde hellhörig. „Es ist die Angst zu versagen. Womöglich nichts weiter, als eine derbe Niederlage zu erfahren.“


„Warum haben Sie sich dann dafür bereiterklärt, haben Sie keine Angst?“, fragte Jo, obwohl er die Antwort schon kannte. Dieser junge Mann war zu unerfahren, um Angst haben zu können, zu wenig hatten diese Augen gesehen.


„Ich bin starr vor Schreck“, sagte Schär und blickte dabei zu Boden. „Doch der kleine Junge …, Sie brauchen jede Hilfe, die Sie kriegen können und ich möchte helfen.“ Der junge Kommissar blickte wieder nach oben und Jo konnte in seinen Augen sehen, wie ernst ihm seine Worte waren. Junge Idealisten kannte er reihenweise, ihnen war es wichtig, einen großen Fang zu machen und im Ruhm zu baden. Doch es ging bei ihrer Arbeit nicht um den Täter, sondern um die Opfer, sie waren der Schlüssel und für sie tat er, was er tat - nur für sie.


Irgendetwas war aber in diesen Augen, etwas, was ihn an die Aufrichtigkeit der Worte glauben ließ. Hatte er sich zu früh ein Urteil über diesen jungen Kerl erlaubt?


„Alles was wir haben sind unsere Augen, unsere Arbeit besteht daraus zu beobachten“, sagte Jo. „Lass die Idioten die Beweise sammeln und sie auswerten, kein Verbrechen, das wir aufklären, ist willkürlich oder unbewusst.“


Jo glaubte fest an seine Worte, es war alles ein Gedankenspiel, beobachten und verstehen. Verstanden sie etwas nicht, hatten sie etwas übersehen. Alles lag in ihrer Verantwortung, zu oft in seinem Leben hatte er die entscheidenden Dinge übersehen.


Schär nickte nur und spähte wieder stumm zur Trauergemeinde hinüber. Eben diese Stille brauchte Jo zum Arbeiten. Es war wie beim Autofahren, wenn man das Radio abstellte, konnte man schlagartig besser sehen. Beanspruchte man einen Sinn nicht, konnte man andere intensiver nutzen.


Schmidt rief ihn nur, wenn es sich um einen kritischen Fall handelte, den sonst niemand lösen konnte oder niemand lösen wollte. Meistens war es eher der zweite Grund. Wirkliche Abgründe ließen einen Menschen nicht mehr los. Irgendwann blickte die dunkle Tiefe in einen Selbst hinein, mit dem Jagen von Monstern war es nicht anders. Sollten sie sich doch alle ficken… Leider wusste Jo, dass dies schon lange nicht mehr seine Entscheidung war.

Zumindest war die Fall-Akte, die ihm Schmidt zukommen ließ, gut zusammengestellt. Alle Familienmitglieder und Lehrer waren befragt worden und die Berichte und Fotos der engsten Verwandten befanden sich ebenfalls schon darin. Wenn jemand starb, der so jung war, kam der Täter aus dem Umfeld. Welche Feinde sollte sich auch ein Vierzehnjähriger gemacht haben? Trotzdem befragten diese Idioten immer zuerst die üblichen Kriminellen, man wollte sich einfach nicht vorstellen, dass auch die eigenen Nachbarn zu dunklen Taten fähig waren. Dabei war sogar Ed Kemper, einer der berühmtesten Serienmörder der Vereinigten Staaten von Amerika, bei seinen Nachbarn beliebt.


Wenn man dem Bösen oft genug ins Gesicht geblickt hatte, konnte man sich selbst nicht mehr über die Realität hinwegtäuschen. Diese Welt war ein dunkler Ort, kein Ort für ein Kind. Kein unschuldiges Wesen konnte die Realität überleben. Wachen sie in dieser vor ihrer Zeit auf, ist nie vorhersehbar, was mit ihnen geschieht. Schlafen sie hingegen zu lange, tun sie es womöglich für immer.


Jo durfte nicht schon wieder abschweifen, es galt, sich auf die Trauernden zu konzentrieren. Selbstmitleid würde den Jungen nicht mehr lebendig werden lassen.


Die Kirche lag auf der anderen Straßenseite und der Friedhof war gleich daneben, der Sarg wurde gerade aus dem Nebengebäude in Richtung des Friedhofs getragen. Die Trauernden hatten sich vor dem Eingang des Friedhofs versammelt. Eine Mauer, besetzt mit roten Kacheln, trennte ihn von allen Seiten ab.


Die Mutter der beiden Kinder lag bei einer anderen Frau in den Armen, der Vater hatte es wohl nicht geschafft. Die Beziehung der Eltern war nicht die beste und irgendwann musste Frau Schachtenhuber ihren Mann hinausgeworfen haben. So hatten es zumindest die Nachbarn berichtet, sie selbst hatte sich zu ihrem Mann nicht geäußert. Die meisten Familienmitglieder lebten nicht in der Nähe dieser kleinen Gemeinde, was sie für den Fall irrelevant machte. Gesicht für Gesicht ging Jo den Trauerzug durch, zu den meisten Gesichtern gab es eine Notiz in seiner Mappe.


Länger ruhte sein Blick nur auf dem Großvater der beiden Jungen, dieser lehnte an der roten Kachelmauer und rauchte. Keine Träne rann über seine Wangen, er schaute stumm zu seiner Tochter herüber, nicht die kleinste Regung war in seinem Gesicht zu erkennen.


Würde er nicht einen ausgefransten schwarzen Anzug tragen, könnte man meinen, er wäre nur durch Zufall inmitten einer Trauergemeinde gelandet. Ein ebenfalls schwarzer Hut vermochte die mittellangen grauen Haare nur bedingt unter Kontrolle zuhalten, zusammen mit dem zerzausten Bart gaben sie ein ungepflegtes Erscheinungsbild ab.


Ganz anders hielt es die Mutter, Frau Schachtenhuber trug ein feines schwarzes Kleid, schwarze Schuhe, einen schwarzen Hut und sogar schwarzen Schmuck. Ihr Makeup war dezent und sie schnäuzte sich die Nase mit einem Stofftuch - nicht einfach mit Papiertaschentüchern.


Der Sarg wurde zwischen den Trauernden auf den Friedhof getragen, nur die wenigsten Blicke ruhten auf dem Eichenkasten, in einer solchen Situation war man zu sehr mit sich selbst und mit jenen um sich herum beschäftigt.


Frau Schachtenhuber folgte als Erstes, eine einzige schwarze Locke hatte sich aus der engen Umarmung ihres Hutes befreit und hüpfte auf der Höhe ihrer Schulter umher. Gestützt wurde sie immer noch von jener Frau, deren Gesicht Jo nicht genau erkennen konnte.


Erst als er sich auf den Weg zur anderen Seite machte, konnte Joost einen Blick auf das Gesicht der Frau werfen. Es war die Mutter des vor zwei Jahren verschwundenen und dann leblos aufgefundenen Jungen, Artur Schöner fand man mit gebrochenem Genick am Fuße einer Felswand. Menschen, die ähnliche Dinge durchgemacht haben, suchen oft den Kontakt zueinander, was Frau Schöners Anwesenheit erklärte. Sein Blick schweifte weiterhin umher, immerzu über die Trauernden, doch nichts Ungewöhnliches konnten seine Augen wahrnehmen.


„Schär, sehen Sie jemanden, der offensichtlich nicht zur Trauergemeinde gehört und doch zu lange und zu oft zum Friedhof herüberblickt?“, fragte Jo den jungen Kommissar.


Doch auch Schär schüttelte den Kopf. Ungewöhnlich dachte sich Jo, aber nicht zu ungewöhnlich.


Wenn junge Menschen starben, gab es einfach noch zu viele, die die Beerdigung besuchten oder besser gesagt zu viele, die von ihrem schlechten Gewissen dazu getrieben wurden.


Kalt war der metallische Mantel des „Trostspenders“ im Inneren seines Sakkos - würde es jemandem auffallen, wenn er sich einen Schluck genehmigte? Bevor Jo eine Antwort auf diese Frage finden konnte, fiel ihm erneut der Großvater auf, er hielt sich dicht hinter seiner Tochter, schloss aber nicht zu ihr auf.


Der Weg zum ausgehobenen Grab war nicht lang und der Sarg wurde auf dem angestammten Platz niedergelegt. Die Mutter des Opfers begann zu schluchzen, Jo konnte ihr Klagen verstehen, verstand aber auch, dass es keinen Effekt haben würde. Trauer war so selbstsüchtig und das Selbstsüchtigste an ihr war, dass dies niemandem klar war.


Schär hielt sich dicht neben ihm und beobachtete die Umherstehenden sehr genau. Wahrscheinlich hatten sie ihm auch auf der Akademie gelehrt, dass ein Mörder immer zur Beerdigung erscheint. Wie ein „Wolf im Schafspelz“ wollte er sich entweder an seinem Erfolg berauschen oder versuchen, einen Teil seiner Schuld abzutragen. Niemandem hier waren jedoch Schuldgefühle ins Gesicht geschrieben, was das Schlimmste vermuten ließ.


Eben aus diesem Grund war es Jo so wichtig, zur Beerdigung zu gehen, im Zuge eines Mordes konnte man hier die meisten nützlichen Informationen erhalten. Die Menschen waren ehrlich, wenn sie trauerten oder zumindest angreifbarer und dies konnte von Vorteil sein.


Während sich Jo einen Plan zurechtlegte, kam die Trauergemeinde zum Stehen und ein junger Mann im Gewand eines Pfarrers stellte sich vor den Sarg. Er sprach die wohlbekannten Riten und der Sarg wurde herabgelassen.


Auf dem gesamten Friedhof war es stumm, man hörte nur das Brummen der Fahrzeuge von den Seiten des abgesperrten Geländes. Frau Schachtenhuber vergrub ihr Gesicht in den Kleidern von Frau Schöner. Die meisten Trauernden standen daneben und weinten, nur der Großvater schaute, ohne mit der Wimper zu zucken, auf die im Erdreich verschwindende Kiste.


Sogar er selbst zuckte aber zusammen, als der schwere Sarg mit einem dumpfen Laut auf dem Boden des Lochs aufsetzte. Die Totengräber entfernten sich von der Erdöffnung und der Priester trat wieder an den Abgrund heran. Voller Pathos sprach er die letzten Worte und beförderte dann eine Schaufel mit Erde in das Loch. Die Stimme des Geistlichen hallte über den Friedhof und Jo hätte beinahe die Augen verdreht, im letzten Moment konnte er sich aber abwenden.


Schär beobachtete immer noch alle Umherstehenden. Vielleicht hatte er den jungen Kommissar unterschätzt, doch noch hatte die wirkliche Arbeit nicht begonnen. Bald würde sich herausstellen, ob er eine Hilfe war oder, wie die meisten Idioten, eher ein Klotz am Bein.


Jo fixierte den Großvater. Lange tauschte dieser einen Blick mit dem Priester, während die anderen Trauernden Erde auf das Grab schaufelten. Immer wieder spielte der Großvater an seinem Armband herum. Doch etwas anderes fiel Jo ins Auge, ein großer Mann mit schwarzem Mantel stand am anderen Ende der Menschentraube, welche sich um das Grab gebildet hatte. Dieser schaute nicht in die Richtung des Loches im Erdreich, sondern in seine.

Sie schauten sich direkt in die Augen und der Mann im Mantel lächelte. Es kam Jo so vor, als hätte ihn jemand auf den Hinterkopf geschlagen, nur um ihn eine Sekunde später zu umarmen. Der Mann im schwarzen Mantel, mit seinen kurzen schwarzen Haaren und der großen Hornbrille - konnte er es wirklich sein oder spielte sein Verstand ihm einen Streich? Er musste verrückt werden, es gab keine andere Möglichkeit.


Hunderte Fragen prasselten auf ihn ein, sein Verstand wollte und konnte sich nicht mehr fokussieren. Sein Blick senkte sich wieder und er erhaschte im Blickwinkel eine weitere Person, ein kleines Mädchen. Wehendes blondes Haar und ein Lachen, welches sogar den ältesten Gletscher schmelzen lassen musste. Jo schüttelte sich und rieb mit beiden Handflächen über sein Gesicht. Es waren die Augen des Mädchens, die ihn nicht mehr losließen, Augen, die er kannte und deren Anblick er mit den Jahren zu fürchten lernte.


Es war ihm, als würde sich ein Kloß seinen Hals hinaufdrücken, seine Atmung wurde schneller und dennoch bekam er kaum Luft. Seine Zunge versuchte unentwegt die Lippen zu befeuchten und doch fühlten diese sich rissig und staubtrocken an. Zittern ergriff seinen Körper, es ging von den Knien aus und hatte sehr bald sogar die vorderste Fingerspitze seiner Hand erreicht.


Mit letzter Kraft griff er in seine Innentasche und zog den metallenen Gegenstand hervor, nur mühselig löste sich der Deckel und einen kräftigen Schluck später hörte das Zittern langsam auf. Erst nachdem die wohltuende Flüssigkeit mit einem leichten Brennen seine Kehle herunterlief, öffneten sich seine Augen wieder.


Das Lachen des Mädchens war nicht verstummt und zum ersten Mal an diesem Tag füllten sich Jos Augen mit Tränen, bittere salzige Tränen, die ihm die Wangen herunterliefen. Voller Wut schmetterte er seinen Flachmann von sich, knallend schlug er an einem weit entfernten Grabstein ein und die Prozession suchte schlagartig nach dem Verursacher dieses Geräusches.


Er wollte nicht mehr, er konnte nicht mehr – all dies hier war eine üble Idee. Beim letzten Mal hatte es noch fast drei Tage gedauert, jetzt geschah es schon am ersten. Seine Hände hielten den Eingang zu seinen Ohren verschlossen und dennoch drang das Lachen zu ihm vor. Jenes Lachen, dass die Tore des Himmels schon beim ersten Anklingen aufschwingen ließ, für ihn aber die Hallen der Hölle öffnete.


Das Stehen fiel Jo immer schwerer, ohne dass er es richtig bemerkte, gaben seine Beine nach, doch fiel er nicht zu Boden. Er musste wieder zu sich kommen, also schüttelte er alle Gedanken von sich und blickte sich um. Der junge Kommissar hielt ihn mit beiden Händen fest und hatte einen allzu bekannten Blick aufgesetzt. Mit einem solchen Blick wollte wahrlich kein Mensch angesehen werden. Es war eine Mischung aus Angst und Mitleid, die einen feurigen Tanz der Verzweiflung tanzten. Beim ersten Mal erkannte man nicht, was dieser Blick bedeutetet, beim zweiten Mal interpretierte man ihn falsch, doch irgendwann wusste man, was im Kopf des Gegenübers vorging, wenn dessen Mimik dieses Bild abgab.


Mit der ihm verbliebenen Kraft richtete sich Jo wieder auf und quetschte sich durch die Trauernden hindurch, dem Friedhofsausgang entgegen. Mit jedem Schritt wurde seine Atmung wieder flacher und die Tränen trockneten allmählich. Jemand folgte Jo, es konnte nur Schär sein.


Der junge Kommissar schloss zu ihm auf und blickte ihn besorgt an. „Ist alles in Ordnung?“, fragte er. Wem wollte dieser Grünschnabel schon helfen, konnte er die Toten zurückholen? Konnte er die Geister in den Köpfen anderer Männer bekämpfen? Wenn nicht, sollte er ihn doch gefälligst in Ruhe lassen. Was für eine dumme Frage, ob alles in Ordnung sei – eine Frage, die von einer noch dümmeren gesellschaftlichen Konvention diktiert wurde.


Ein weiterer Blick genügte, um den jungen Mann zum Schweigen zu bringen. Für einige Dinge gab es keine Worte, die sie verständlich für andere machten. Dies wusste Jo schon seit längerer Zeit.


„Was ist los Jo?“, fragte eine weitere Stimme hinter ihnen und er zuckte zusammen. Also war er doch noch nicht vollkommen verrückt geworden. Manche Dinge konnte man sich eben noch so sehr wünschen und dennoch gingen sie nicht in Erfüllung. Denn Verrückte waren vieles, bodenlos unglücklich aber eher nicht.


Jo drehte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht um und blickte in Augen des Mannes, den er schon seit geraumer Zeit ignorierte. „Hallo Frederick.“


Der Mann mit dem langen schwarzen Mantel lächelte und blieb einen Schritt vor Schär und ihm stehen. „Ich glaube, ich habe dich noch nie meinen kompletten Vornamen sagen hören“, sagte Fred scherzhaft. Er hatte recht damit, sogar auf Jos Smartphone war er als Fred gespeichert. „Hi Jo, du hast meine Frage nicht beantwortet.“


Direkt und hartnäckig, so war sein Freund. „Geht schon“, sagte Jo knapp. „Was tust du hier, woher wusstest du es?“


„Deine Exfrau, manchmal unterhalten wir uns noch miteinander“, sagte Fred und blickte ihm, ohne zu blinzeln, in die Augen. Die Augen seines Freundes hatten eine angenehme braune Farbe. Jo brauchte einen Moment bis er die Worte begreifen konnte. Jara verließ ihn noch an jenem Tag und seither spielten sie keine Rolle mehr im Leben des jeweils anderen.


„Du hast mit wem geredet?“, fragte Jo bestürzt, er konnte es einfach nicht glauben.


„Sie hat mich angerufen, auch nach all den Jahren macht sie sich noch sorgen um dich“, sagte Fred und seine Stimme verriet ebenfalls Sorge. „Wir alle wollen dir nur helfen, bis heute hast du dies nicht begriffen.“


„Natürlich habe ich es begriffen, ich wollte nur eure verdammte Hilfe nicht“, sagte Jo wütend. Er war kein verdammter Pflegefall. „Helft jenen, die eure Hilfe brauchen, spendet ein bisschen Geld und dann könnt ihr euch in eurer eigenen Gönnerschaft sonnen. Lasst mich nur aus diesem Spiel draußen, ich bin müde.“


„Müde warst du schon immer und auch dein Zynismus ist nichts Neues, was versuchst du also zu bezwecken?“, fragte Fred und sein Blick verriet, dass sich sein Freund wirklich diese Frage stellte.


„Nicht alles hat einen Zweck, einen letzten Grund oder überhaupt einen Sinn“, sagte Jo und schaute zu Boden. Zwischen den Kacheln der Steinplatten hatte sich Moos gebildet, es umschlang die Steinplatten, wie die Mauer den Friedhof. Selbst die Toten lebten wohl noch in einer Art Gefängnis, wir alle waren von etwas umschlossen, sogar die Steinplatte zu unseren Füßen. „Für das Universum sind wir nicht einmal ein Fliegenschiss - oder wie kannst du dir sonst dies alles erklären? Zwölf Jahre, zwölf Jahre und vierzehn Jahre. Selbst wenn ich es ausspreche, kann ich es nicht glauben.“


„Deshalb bist du hier“, sagte Fred mit versteinerter Miene. „Wir beide wissen wieso, warum du hier bist und kein anderer.“ Während Fred zur Trauergemeinde herüberzeigte, wurde Jo wieder bewusst, wieso sie hier waren.


„Haben Sie etwas gesehen, Schär?“, fragte Jo den jungen Kommissar und dieser schüttelte nur beschämt den Kopf.


„Scheiße“, murmelte Jo vor sich hin. „Wir haben den Moment verpasst.“


„Du hast nichts verpasst, auch ich habe die Verwandten beobachtet, niemand zeigte anormales Verhalten“, sagte Fred und spielte dabei mit einer Hand an seiner großen Brille herum.


„Der Großvater?“, fragte Jo.


„Ich weiß, was du denkst, aber er hat seinen Enkel verloren und ist aus einer anderen Zeit“, sagte Fred. „Seine Frau ist wahrscheinlich vor ein paar Jahren gestorben und all seine Sinne richten sich auf den vermissten Jungen. Schau dir nur seine Kleidung an, er ist ein Mann, ein Pragmatiker, ein Macher. Er weiß, dass er für diesen Enkel nichts mehr tun kann.“


Scharfsinnig wie eh und je, es schmerzte Fred zu sehen und doch war der Verstand seines Freundes ungemein nützlich. Doch würde dieser all den Schmerz wert sein?


„Wahrscheinlich hast du recht, doch was tun wir jetzt?“, fragte Jo und fixierte seinen alten Freund. Einzelne graue Haare schimmerten durch die zur Seite gekämmten Haare, gerade in der Sonne war ihr Schimmer gut zu erkennen.


„Von vorne anfangen. Dies sind doch deine Worte. Wenn es nicht weitergeht, muss man denken, als wüsste man überhaupt nichts“, sagte Fred. Jo nickte, Schär lauschte ihrem Gespräch, wahrscheinlich wusste der Grünschnabel nicht, was er dazu sagen sollte.


„Wer sind Sie?“, fragte Schär mit leiser Stimme. Wie es schien hatte Freds Analyse einen gewissen Eindruck hinterlassen.


„Oh, mein Fehler, ich habe vergessen mich vorzustellen“, beeilte sich Fred zu sagen und gab Schär die Hand, während er sich vorstellte. „Mein Name ist Frederick Harold-Alaz und ich kenne ihren Chef schon länger, als es gut für einen geistig gesunden Menschen ist.“


„Wie gut, dass du sehr weit von einem geistig gesunden Menschen entfernt bist,“ sagte Jo und zum ersten Mal war ihm so, als hätte er keine Last auf den Schultern.


„Stimmt wahrscheinlich“, sagte Fred und lachte dabei. Eine ältere Frau kam gerade das Haupttor des Friedhofes herein und strafte sie mit einem einzigen kurzen Blick. Dann fuhr sein Freund etwas leiser fort. „Wie kommen Sie zur zweifelhaften Ehre mit diesem Mann arbeiten zu dürfen?“


„Er hat das kürzere Stöckchen gezogen“, beantwortete Jo die Frage selbst und blickte dann wieder zur Trauergemeinde hinüber.


„Ah, die guten alten Stöckchen“, sagte Fred und folgte seinem Blick. „Die Menschen arbeiten einfach nicht gerne mit dir, dabei bist du gar nicht so schlecht wie dein Ruf.“


Jo ignorierte die Worte seines Freundes. „Wir müssen uns morgen mit der Mutter und dem Großvater unterhalten, danach nehmen wir uns die Mutter des vor zwei Jahren verschwundenen Jungen vor“, sagte Jo, während er immer noch zur Trauergemeinde schaute.


„Ich werde alles vorbereiten“, sagte Schär.


„Das wäre alles, bereite dich auf den morgigen Tag vor. Lies dir die Befragungen der Lehrer noch einmal durch“, sagte Jo, von Schär abgewandt.


Der junge Kommissar war offenbar verwirrt, doch als Jo nichts mehr sagte, waren irgendwann Schärs leiser werdende Schritte auf den Steinplatten zu hören.


„Taugt er etwas?“, fragte Fred geradeheraus.


„Wir werden sehen“, gab Jo als Antwort.


„Geh es langsam an, er sieht jung aus“, sagte Fred.


„Es liegt nicht in meiner Macht die Dinge langsam anzugehen, der Job erlaubt keine bescheuerten Praktika. Entweder du bist vom ersten bis zum letzten Tag dabei oder eben nicht. Dies merkt er besser jetzt als in ein paar Jahren, wenn es zu spät ist.“


„Du hast dich wahrlich nicht verändert mein Freund, wie lange ist es her? Meine Anrufe nimmst du ja nicht mehr entgegen“, sagte Fred halb belustigt, halb besorgt.


„Lange, ich hatte viel zu tun“, sagte Jo. Er wusste wirklich nicht mehr, wann sie sich zuletzt gesehen hatten. Früher liebte er es sich mit seinem Freund über die Fälle auszutauschen, den ein oder anderen lösten sie sogar zusammen, Fred war zwar nicht direkt ein Mitglied der Polizei, assistierte aber gelegentlich. „Schreibst du noch?“


„Jeden Tag“, gab Fred als Antwort. „Die gleichen Geschichten wie immer, die Menschen mögen es sich zu gruseln.“


„Wahrscheinlich“, sagte Jo. Fred schrieb viel über Morde und vor allem Serienmörder, viele von Jos Fällen waren darunter. Die Menschen liebten diese Geschichten, sie waren davon fasziniert. Solche Erzählungen rissen sie aus ihrem schnöden Alltag heraus. Sie luden dazu ein, über das eigene Heldendasein zu fantasieren. Doch niemand wusste wie es wirklich war, wie es sich anfühlte, die Monster zu jagen. Hätten sie nur eine leise Ahnung davon, würden sie täglich schweißgebadet aufschrecken und sich wünschen, niemals den Wunsch gehabt zu haben, ein Held zu sein. Es gab keine Helden in dieser Welt und diese Welt brauchte auch keine, nicht solange sie ihre Monster hat, die sich gegenseitig jagen.


Seine Ohren klirrten erneut, da war wieder das Lachen und ein blondes Kind stand zwischen zwei Grabsteinen. Es trug einen roten Pullover, aber Jo konnte das Gesicht des Mädchens nicht sehen und dennoch wurden seine Knie zittrig. Fast wäre er wieder nach vorne gekippt, hätte nicht sein Freund die Hand auf seine Schulter gelegt.


Erschrocken fuhr Jo herum, was war nur los mit ihm?


„Alles in Ordnung?“, fragte Fred und machte dabei das gleiche Gesicht wie Schär zuvor.


„Es geht mir gut“, sagte Jo und holte dabei die Hand seines Freundes von seiner Schulter. Es ging ihm nicht gut, doch was sollte er schon sagen. Die Halluzinationen plagten ihn schon länger, doch mit oder ohne sie, seine Arbeit musste getan werden.


„Das finde ich nicht, aber wie du meinst“, sagte Fred und blickte wieder zur Trauergemeinde hinüber. „Ungewöhnlich, irgendwo hier muss der Mörder sein.“


Sein Freund hatte recht mit dem was er sagte, jeder Mörder besucht früher oder später das Grab seines Opfers, entweder um Macht zu demonstrieren oder Reue zu zeigen, sie alle kamen und sie alle verrieten sich damit. Dennoch wollte das Hämmern in Jos Kopf nicht aufhören, er konnte keinen klaren Gedanken fassen und sein „Trostspender“ war nicht mehr da.


„Ich bin in einem Gasthaus hier in der Nähe einquartiert, dieser verschlafene Ort hat nur eines, indem man auch übernachten kann“, sagte Jo und wendete sich dabei von dem ganzen Spektakel ab. Es war eine Wohltat, nicht mehr dem kleinen Mädchen zusehen zu müssen und doch war es unendlich schwierig, sich dazu zu zwingen, nicht doch noch einen letzten Blick zu erhaschen.


„Mein Zimmer liegt in der Stadt, aber ich komme dich besuchen. Passt es dir heute Abend?“, fragte Fred. Jo wusste nicht, was er sagen sollte und so war er bereits dabei, den Friedhof zu verlassen.


Mit einem tiefen Seufzer setzte er den letzten Fuß aus dem Haupttor des Friedhofgeländes und schaute dabei nicht zurück. Dort gab es nichts mehr für ihn, jeder Friedhof war wahrlich ein Ort vergangener Geister, die ihre Schatten bis in unsere Welt warfen. So viel Tod war nicht gesund.