• Maurice Bouillon

Für immer schlafende Kinder - Gerechter Zorn: Kapitel 1 (Jo)

Aktualisiert: 28. Aug 2019

Kalt und metallisch lag der Lauf des Revolvers auf seiner Zunge. Mit geschlossenen Augen flüsterte er sich immer wieder Mut zu. Wann hatte er endlich, endlich den Mut, es zu tun?

Seit Ewigkeiten hatte er nicht mehr gebetet, zu welchem Gott auch? Es gab einfach zu viele, zu viele Götter und doch so wenig Göttliches. Die Menschen brachten Leid auf die Welt, sie taten es ihren Freunden an, ihren Familien und letztlich sich selbst. Wie konnte es in einer solchen Welt einen Gott geben? Alles was einem Gott gleichkommen könnte, musste doch auf die Erde blicken und in einem Zustand der Wut alles einreißen.


Tränen liefen Jo die Wangen herunter, schluchzend schleuderte er den Revolver durch den Raum. Seine Hand zitterte, während er sich immer wieder an die Stirn schlug. „Wann?“, fragte Jo schreiend. „Wann du verdammter Feigling?“


Niemand konnte ihn hören, denn keiner war da. Alle hatten sie ihn verlassen, niemand war ihm geblieben, niemand für den er etwas übrighatte. Selbst der Alkohol war aufgebraucht. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen, die Dunkelheit war einfach unerträglich. Wenn seine Augen geschlossen waren, dann war es still. Die Schatten brachten die Bilder, jene Bilder, die sich in seine Netzhaut eingebrannt hatten.


Seine kleine Wohnung glich einer Müllhalde, doch er fühlte sich wohl, sie war der perfekte Spiegel seines Inneren. Die Akten des letzten Falls waren auf dem ganzen Tisch verteilt, ein Kunstwerk aus Blut. Immer wieder überraschte es ihn selbst, auf welch eigenartige Art und Weise er den Tod eines Menschen betrachten konnte. Doch darauf kam es ihm nicht an, es zählte das Ergebnis. Der Mörder war ein Metzger und kein Spieler. Diese zwei Arten gab es. Die Metzger waren langweilig und schnell überführt, kaum des Überlegens wert, selbst die Zeitungen vergaßen sie nach einem Jahr. Schlimmer waren die Spieler, ihre Taten vergaßen die Menschen nie. Im Gegenteil, viele strebten nach ihrem zweifelhaften Ruhm, nach ein paar Minuten Aufmerksamkeit.


Dabei waren sie unwissend, keiner verstand, dass Einsamkeit nicht durch Ruhm geheilt werden konnte. Nichts konnte sie heilen, sie war das letzte große Geheimnis. Einsamkeit war ein Virus, es schlummerte in der Brust eines jeden und war jederzeit bereit auszubrechen.


Die Metzger waren leicht zu erkennen, sie machten irgendwann einen Fehler. Jo hatte es in den Augen des Ehemanns gesehen, er kannte solche Augen. Sie schrien Schuld, jeden Morgen musste er in diese lautrufenden Augen blicken. Als er die Augen des Mannes sah, war der Fall schon so gut wie abgeschlossen.


Es waren keine Kinder im Spiel, deshalb gab es wohl keine Opfer, nur zwei Täter. Die Frau machte ihrem Mann das Leben zur Hölle und der arme Tropf sah keinen Ausweg mehr. Er fühlte sich einsam, während er Tag und Nacht bei seiner Frau war. Vielleicht hatte sie es verdient, vielleicht auch nicht - Jos Arbeit war getan. Politik und Medien waren glücklich, alle konnten sie erneut ihr Lied der Sicherheit singen. Diese große Lüge, die alle ihren Kindern vor dem Schlafengehen erzählen. Erneut hatte die Arbeit nicht geholfen, weder die Bilder noch die Kopfschmerzen verschwanden. Nichts konnte ihn mehr ablenken, die Einsamkeit ergriff ihn ein ums andere Mal.


Schlaf fand er nicht, Mut fand er nicht, wie ein Schatten lebte er in der alten Hülle seines Körpers und tat eben, was er am besten konnte. Lange fragte Jo sich schon, wieso er gerade in dieser Sache gut sein musste. Andere, die nur sahen, was er tagtäglich ertragen musste, zerbrachen daran. Erneut rannen ihm Tränen herunter und neuer Mut packte ihn, langsam schielten seine Augen zum Revolver herüber. War es endlich an der Zeit?


Jo stand vorsichtig auf und bewegte sich zum anderen Ende des kleinen Zimmers. An der Wand war der Revolver abgeprallt und lag auf dem Boden, zwischen den Bildern des letzten Falls. Der Ehemann hatte seine Frau in Stücke gerissen, die unterdrückte Wut war in ihm hochgekommen. Nach und nach fanden sie die verschiedensten Körperteile, jedes war in eine blaue Mülltüte gehüllt. Hundert Mal erzählte der Mann, wie ihn seine Frau dazu trieb, genau diese Mülltüten nach draußen zu bringen. Die Beiden führten viele kleine Streitigkeiten, doch mit diesen blauen Mülltüten verband der Mann etwas.


Wahrscheinlich würde sogar stundenlanges Nachdenken keine Antwort auf diese Frage hervorbringen, von Zeit zu Zeit sind Menschen eben irrational. Die meisten Menschen in Jos Umfeld hielten ihn für irrational. Wie konnte ein Mensch glücklich damit sein, dies zu tun? Sie verwechselten einfach Zufriedenheit mit Notwendigkeit, sie konnten es nicht sehen. Ihre Augen waren zwar offen und doch gaben sie sich mit den Illusionen zufrieden. Jemand musste sich diese verdammten Bilder anschauen, diese Orte sehen und in die Köpfe jener eindringen, die sich vom Menschsein entfernt hatten.


Verdammt, sollten sie doch glücklich damit werden - das Glück der Einfalt. Nur der Stumpfsinn war dazu in der Lage, glücklich zu machen, in der Abwesenheit der Einfalt rann das Glück wie Sand durch die Zwischenräume einer Hand.


Konnte das Leben überhaupt etwas wert sein? Konnte es einen Wert haben, wenn sich kein Zweiter darum schert?


Jo hob den Revolver vom Boden auf, seine Hand umklammerte ihn fest. Die Adern seines Handgelenks waren gut zu sehen, ohne jede Regung steckte er sich ihn erneut in den Mund. Ein vertrauter Geschmack, seine Hand spannte sich. Würde er endlich den Mut finden?


Tausende Fragen spukten durch seinen Kopf, während der Fernseher brummte. Jetzt erst vernahm er, was die Nachrichtensprecherin sagte. Eine junge Frau berichtete von seinem letzten Fall, unentwegt fragte sie sich, wie ein Mensch zu einer solchen Tat fähig sein konnte. Gleich danach erzählte sie von Umweltkatastrophen, politischen Krisen und den Ärmsten der Armen.


Nur dem geneigten Zuschauer entgingen die weißen Streifen an den Handgelenken der schönen jungen Frau nicht, die sich unentwegt fragte, zu was Menschen alles fähig sind. Jo kannte die Antwort, sie waren selbstzerstörerisch, sie hielten sich für böse und wahrscheinlich waren sie es auch. Der eine Beweis wurde durch das Aussehen der Nachrichtensprecherin geliefert und der andere durch jenes, was sie sagte. Egal, vielleicht hatten die Menschen all dies verdient, vielleicht hatten sie sich selbst verdient.


Der Zeigefinger seiner rechten Hand drückte den Abzug nach hinten, erneut begann sein ganzer Arm zu zittern. Hunderte Bilder strömten auf ihn ein, wie schnell gelebt werden konnte und wie wenig dabei übrigblieb. Zu leben war ein Rätsel, für ihn war nur das Eine klar: Die Lösung brachte keine Befriedigung, denn die schönen Momente vergaß man sofort, nur das Leid schien sich ewig einzubrennen.


Eine vertraute Melodie unterbrach seine Gedanken - Gnarls Barkleys „Crazy“. Der Name auf dem Display war sofort zu erkennen - Fred. Fred rief fast jeden Tag an und Jo nahm immer seltener ab. Es verlangte ihm nicht danach, über seine Gefühle zu reden. Nichts würde sich dadurch ändern. Man hätte die Realität ändern müssen, denn seine Gefühle waren das Produkt eben jener. Das Rad drehte sich immer weiter, immer und immer weiter – es gab keine Wahl, nur eine Illusion.


Ein zweites Mal ertönte sein Klingelton, kein Zweifel, ein schönes Lied. Wohl die einzige menschliche Erfindung, die rein war. Lieder konnten niemanden foltern, sie konnten niemanden töten. Klänge sprachen etwas tief in uns an, sie stimulierten das blutrünstige Tier. Dieses Mal las er aber nicht den Namen seines Freundes auf dem Display, es stand etwas anderes darauf. Die Worte „Heb nicht ab!“ waren zu lesen, irgendwann war ihm dieser Einfall gekommen, wohl eine Art Selbstschutz, dennoch führte Jo immer wieder den Hörer zum Ohr. Selbstschutz und Selbstzerstörung fochten ein ungleiches Duell.


Auch dieses Mal war es nicht anders, den Hörer zu nehmen war keine Entscheidung, es war ein Reflex, eine Notwendigkeit. „Hegel“, sagte Jo, meistens meldete er sich mit seinem Nachnamen, eine weitere Gewohnheit, für die er keine Erklärung hatte.


„Schmidt … ich bins“, sagte Holger Schmidt, der Präsident des Bundeskriminalamtes. An der Stimme des Präsidenten war schon zu erkennen, in welcher Angelegenheit er anrief. Jo atmete tief ein und dann wieder aus, sein Verstand war noch vom Alkohol der letzten Nacht benebelt. „Bist du schon wieder soweit?“


Die Stimme des Präsidenten strotze vor Empathie, wahrscheinlich war sie ernst gemeint. Dennoch wusste Jo, dass niemand ein „Nein“ akzeptieren würde oder könnte und er selbst war einer dieser Menschen. Wie lange würde es noch gehen?


„Macht es einen Unterschied?“, fragte Jo mit bitterer Stimme. Lange hatte er versucht in sich selbst zu hören, gehofft hatte er auf eine Antwort, bekommen hatte er nichts. Da war einfach nichts mehr in ihm, gar nichts mehr, nur die Dunkelheit. „Die Fakten und den Ort“, fügte er hinzu.


Immer wieder die gleichen Worte, diese Floskeln interessierten ihn nicht, wenn er helfen konnte, würde er es auch tun. Für ihn selbst gab es keinen Grund sich dabei gut zu fühlen, dies war eine Sache der Menschen um ihn herum. Der Präsident brauchte ein gutes Gefühl, wie die meisten Bürokraten musste er ein gutes Gefühl dabei haben, das Seelenheil seiner Männer zu opfern. Jo konnte seinem Vorgesetzten viel geben, doch dieses Gefühl stand leider nicht in seiner Macht. Vielleicht hätte er die Macht sogar gehabt, es war ihm aber scheiß egal.


„Kühnenheim, im Norden von Ludwigsburg, in der Nähe von Stuttgart“, sagte Schmidt. Jo kannte Ludwigsburg nur zu gut, wohl eine der wenigen schönen Städte, die es im durchindustrialisierten Deutschland gab. Leider waren es meist solche Orte, die zum Schauplatz solcher Ereignisse wurden. „Ein Vierzehnjähriger wurde tot aufgefunden, mit Würgemalen an seinem Hals. Sein Bruder ist ebenfalls verschwunden, schon vor mehreren Wochen. Die Polizei hat keine Hinweise und weiß weder ein noch aus. Sie haben bereits alles versucht, wir wissen nicht mehr weiter.“


Die meisten seiner Kollegen hätten eine Regung bei solchen Nachrichten gezeigt, deshalb konnten sie nicht an diesen Fällen arbeiten, sie waren emotional investiert, was ihren Blick für das Wesentliche abstumpfte. Eine Sache interessierte ihn jedoch noch, bevor er ablehnte. Der Fall war nicht interessant genug, ein Familiendrama, kein Grund einzugreifen, es war kein weiterer Mord zu erwarten.


„Wieso ich?“, fragte Jo.


„Wir haben keinen Beweis, nicht Mal ein Indiz. Abgesehen von den Würgemalen ist die Leiche absolut sauber und der zwei Jahre jüngerer Bruder ist wie vom Erdboden verschluckt. Schon vor einem Jahr ist in diesem Dorf ein Junge von zwölf Jahren verschwunden, er stürzte von einer Klippe, die Ermittlungen wurden mit einer Unfallvermutung eingestellt. Jetzt sind es zwei Tote und ein weiterer verschwundener Junge“, sagte Schmidt und seine Stimme klang trotz der toten Kinder nüchtern und wertfrei. Für solche Leute waren Mordfälle Nummern, nicht mehr und nicht weniger. Er kannte Schmidt schon seitdem dieser Polizeipräsident wurde, früher scherte sich sein Vorgesetzter mehr um die Opfer, doch dies war wohl der Lauf der Dinge. „Niemand weiß mehr weiter, die Polizei hat sich an uns gewandt und nach einem Spezialisten verlangt.“


Zwölf Jahre, zwölf Jahre, zwölf Jahre … - mehr war nicht mehr in Jos Kopf. Diese Jungen hätten noch so viel vor sich gehabt, das Leben kannte keine Gerechtigkeit, jetzt schliefen sie für immer. Ein Familiendrama konnte durch den vor zwei Jahren gestorbenen Jungen ausgeschlossen werden. Doch er musste sich die Sache vor Ort ansehen, um weitere Schlüsse ziehen zu können.


„Wann ist die Beerdigung?“, fragte Jo kalt.


„Der vierzehnjährige Till wird in drei Tagen auf dem Dorffriedhof beigesetzt. Hundertschaften durchsuchten die letzten Tage sämtliche Wälder, doch keine Spur des zwölfjährigen Elias. Es sieht schlecht aus“, sagte Schmidt und stockte dann, wahrscheinlich merkte er selbst gerade, wie grausam seine eigenen Worte waren. Natürlich gab es keine Hoffnung mehr, dass der kleine Junge lebte. Aber es war die eine Sache, es zu wissen und eine andere, es auszusprechen. Worte konnten Dinge real werden lassen – realer, als es einem selbst lieb sein konnte. Till und Elias, die Namen waren gesprochen und unwillkürlich formte sich in Jo ein Abbild der beiden Kinder.


Jo wartete noch einen ganzen Moment, doch der Präsident machte keine Anstalten noch etwas zu sagen. „Schick mir die Unterlagen zu. Wie heißt der leitende Beamte vor Ort?“, fragte Jo, seine Gedanken waren schon auf den Fall fokussiert. Irgendetwas passte nicht zusammen, er wusste fast nichts und doch war er sich ganz sicher, dass etwas nicht stimmte. Es starben und verschwanden nicht so schnell junge Kinder, zumindest nicht ohne einen triftigen Grund. „Lassen Sie mir die Unterlagen in meine Wohnung bringen, so schnell wie möglich.“ Die Bilder des alten Falls mussten weichen, weichen für neue Schrecken.


„Sie werden schon ausgeliefert“, sagte Schmidt. „Der leitende Beamte hört auf den Namen Haber … Und Joost …“


„Ja?“, fragte Jo. Noch heute war es für ihn ungewohnt seinen vollen Namen zu hören, selbst sein Vater nannte ihn immer nur bei seinem Kurznamen.

„Danke“, sagte der Präsident. „Sie sind der Einzige, dem ich diesen Fall anvertrauen kann. Schauen Sie bitte, dass sie ihn so schnell wie möglich lösen. Die Presse wird nicht lange auf sich warten lassen. Sie haben was gut.“


Diese Geier waren niemals weit entfernt, Morde bedeuteten Schlagzeilen und Schlagzeilen führten zu Auflagen. Schlimmer wurde diese ganze Sache durch die Smartphones. Heute war jeder ein potentieller Reporter, auf der Suche nach einer kleinen Sekunde Ruhm. Hinter diesem Wunsch musste Respekt anstehen, menschenverachtende Taten rüttelten auf, so paradox dies klingen mochte.


„Ich werde mein Möglichstes versuchen“, sagte Jo und legte sogleich auf. Abschiedsfloskeln waren ebenfalls nichts für ihn, er wollte nichts mit dem fälschlich guten Gefühl des Präsidenten zu tun haben, dies war nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe war es, den Opfern Gerechtigkeit zu bringen, indem er die Täter fand und diese verurteilt wurden. Dabei war er ein Werkzeug, damit musste man sich abfinden. Gelang dies nicht, war die Gefahr groß, daran zu zerbrechen.


In letzter Zeit fragte er sich immer wieder, ob sich die Opfer wirklich um so etwas wie Gerechtigkeit scherten. Wahrscheinlich nicht, Gerechtigkeit war etwas für die Lebenden, für die Hinterbliebenen und nicht für die für immer Schlafenden. Doch hatten die Lebenden Gerechtigkeit verdient?


Langsam schaute sich Jo in seiner Wohnung um und sein Blick löste sich eine ganze Weile nicht von seiner Waffe. „Dann müssen wir eben noch etwas warten“, dachte er bei sich und begann die Bilder des letzten Falls wegzuräumen. Sie schufen Platz für neue Bilder, seit Jahren lief es nach diesem Schema. Schon ewig hatte er den Boden seiner Wohnung nicht mehr gesehen, blutige Taten waren zum Fundament geworden – zum Fundament seines Heimes und zum Fundament seines Lebens.