• Maurice Bouillon

Die Philosophie der Für immer schlafenden Kinder und des Geschichtenschreibens - Ein Essay

Aktualisiert: 19. Okt 2019

Geschichten sind Ursprung und Treiber der Menschheitsgeschichte, denn der Mensch denkt in Geschichten. So liegt es in der Verantwortung eines jeden Autors, die Probleme und Besonderheiten seiner Gegenwart zu beachten. Diese Verantwortung haben viele Autoren zu weiten Teilen vergessen, da sie begonnen haben Kundeninteressen zu folgen und somit die Story zu einem Konsumgut verkommen ließen. Mein Ziel ist es deshalb, dass Bücher wieder wirklich etwas beinhalten, Perspektiven aufzeigen und Probleme durch die Handlungen meiner Charaktere sichtbar machen.


Einem jeden von uns ist wahrscheinlich irgendwie klar, dass er in Geschichten denkt, dass diese einen unfassbaren Reiz auf ihn ausüben. Wieso sollten wir sonst einem hundertstündigen Plot einer fiktiven Serie folgen? Rational ist diese Faszination kaum zu erklären, denn zu was sollte eine ewig dauernde Netflixsession gut sein?


Nun, wenn der Mensch in Geschichten denkt, kann das Individuum Unfassbares aus Büchern, Serien und Filmen lernen. Dies kann aber nur gelingen, wenn Autoren ihren potentiellen Lesern wieder mehr zutrauen und nicht versuchen diese mit bekömmlichen Konsumgütern ohne Substanz zu füttern, nur um einen schnellen Euro zu machen. All dies vollkommen die Konsequenzen vergessend.


Denn betrachten wir die Realität, driftet unsere Gesellschaft täglich auseinander. Ein Grund hierfür kann im Zerfall unserer Kunst gefunden werden und gegen eben dieses Problem muss Stellung bezogen werden. Geschichten können als eine Kunstform charakterliche Tiefe verleihen oder besser gesagt dazu beitragen diese zu erforschen. Sie können uns zeigen, zu was wir im Stande sind, negativ wie positiv.


Hierfür braucht Schreiben nicht vieles, nur ein Problem und die Freiheit dieses perspektivisch zu erforschen. Doch wieso ist gerade die Freiheit ein so wichtiger Punkt?


Nur durch den Aspekt der Freiheit kann der Schreibprozess zu einem Abenteuer werden und gleicht somit mehr dem chaotischen Lauf eines Flusses und weniger dem klischeehaften Designen eines Gebäudes. Anders gesagt verändern sich gute Geschichten im Laufe ihres Entstehens und diese Freiheit muss ihnen belassen werden. So präsentiert sie sich zu Anfang immer anders, als am Schluss. Ebenso verhält es sich mit meinem Werk, ich habe es wie ein Abenteuer gehandhabt. Lassen Sie uns deshalb über dieses Abenteuer sprechen.


Das Abenteuer des Schreibens und menschliche Herzen im Konflikt


Geschichten sollten sich also am Ideal des Abenteuers orientieren oder gar eines sein. Doch was heißt dies? Praktisch beginnen Abenteuer meist mit Fragen, mit solchen Fragen, deren Beantwortung unter den Nägeln brennt. Deshalb nähere ich mich gerne meinem Werk durch die Fragen, die es zu beantworten sucht.


Was geschieht mit uns, wenn wir mehr ertragen haben, als ein Mensch ertragen sollte? Was geschieht, wenn wir das ultimative Verbrechen begangen haben? Was geschieht, wenn uns die Schuld der Vergangenheit erdrückt?


Was geschieht mit einer Gesellschaft, die an nichts mehr glaubt, wenn ihr vor Augen geführt wird, dass nichts einen Wert hat? Wenn nichts einen Wert hat, was geschieht dann, wenn ein jeder die Fäden an seinen eigenen Handgelenken erkennt und ihm gleichzeitig jemand eine Schere in die Hand drückt?


All diese Fragen zwingen uns dazu weitere zu stellen, die noch tiefer eindringen und das Abenteuer zu einem Epos werden lässt. Jene Frage nach der menschlichen Natur, die sich persönlich als Frage nach dem eigenen Selbst aufdrängt, kurz gesagt: Was bedeutet es Mensch zu sein?


Die Antwort auf diese Frage zu finden, benötigt ein ganzes Leben und kann deshalb wohl niemals abschließend beantwortet werden. Dennoch kann sich das Abenteuer dieser Frage durch die Eigenarten des menschlichen Herzens und dessen Leidenschaften nähern. So sagte William Faulkner, der wohl größte amerikanische Schriftsteller über dieses: „Das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst ist die einzige Sache, über die es Wert ist zu schreiben.“ Hadern wir nicht alle mit diesem urtümlichen Ding, welches wir zu gerne als das menschliche Herz bezeichnen, mit jenem Gegensatz unseres rationalen Verstandes, welcher uns immer wieder zu Dummheiten treibt. Aleksander Solschenizyn, der mit seinem Schreiben zu einem großen Teil zum Verfall der kommunistischen Sowjetunion beitrug, führte Faulkners Zitat unwissentlich weiter: „Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz eines jeden Menschen.“


Doch was sagt dies alles aus und wieso half es mir im Zuge meines Abenteuers? Beide Zitate zeigen auf, dass das menschliche Herz, also der Gegensatz des rationalen Verstandes, etwas sehr Interessantes an sich hat. Uns aber gleichzeitig im Konflikte zu Dingen treiben kann, die wir uns nicht einmal im entferntesten vorstellen können.


Hat man sich lange genug mit den Schrecken der Menschheitsgeschichte beschäftigt, kann man Faulkner und Solschenizyn nur zustimmen, man erkennt ihre Aussagen als die wohl wahrsten Wahrheiten der menschlichen Existenz an. Was uns die Frage nach der eigenen Existenz näher bringt, die Problematik des menschlichen Herzes wandelt diese metaphysische Frage in eine konkrete Notwendigkeit. Die Notwendigkeit eines zu wissen: Zu was ist der Mensch fähig? Zu was bin ich fähig? Wie erfahren wir, zu was wir fähig sind und wieso macht es somit nur Sinn über das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst zu schreiben?


Nur im Konflikte zeigt sich, aus welchem Holz wir geschnitzt sind, aus welchem Holz die Charaktere einer Geschichte gemacht sind und wie menschlich ihr Scheitern ist. Wir lernen aus dem Scheitern der Charaktere einer Geschichte. Hierzu müssen wir nur verstehen, wann diese scheitern und was dies letztlich mit dem Konflikt des menschlichen Herzes mit sich selbst zu tun hat. Charaktere großer Geschichten scheitern immer dann, wenn ihre Leidenschaften, ihre Eigenschaften und ihre Ideale im Inferno der Realität brennen und dies unter den allzumenschlichen Kategorien von Gut und Böse. Wenn Handlungen und Wünsche einzelner mit denen anderer Charaktere kollidieren und sie sich im komplexen Spektakel des Täglichen wiederfinden.


All dies um letztlich vielleicht die entscheidende Frage beantworten zu können: Wer bin ich? Was bin ich und wieso existiere ich?


Es geht darum dem Leser etwas über ihn selbst zu zeigen, indem jeder einzelne Charakter seine Limitationen überwindet und hierdurch diese Fragen für sich beantwortet. Lassen Sie mich Ihnen deshalb von meinen Charakteren berichten, denn sie sind es, welche meiner Geschichte einen Wert verleihen.


Die Charaktere meiner Geschichte


Jo ist ein gebrochener Mann, der alles opferte, alles verlor und der zusehends von seiner Genialität in den Wahnsinn getrieben wird.


Immer wieder fragt er sich, wieso es ihm gelingt, all diese Monster zu fangen. Er versteht sie, er kann ihr Begehren nachvollziehen und hierbei erkennt er eine schreckliche Wahrheit: Wer lange genug Monster jagt, läuft in Gefahr selbst zu einem zu werden.


Trotz der Stimme in seinem Innern, die ihn anfleht nicht mehr nachzugeben, die ihn anfleht all dies hinter sich zu lassen, mit allem Schluss zu machen, lässt er sich erneut in den Sumpf zurückziehen und es drängt sich die Frage auf: Zu was ist ein solcher Mann fähig? Im schönen Kühnenheim ereignete sich eine Tragödie, zwei Kinder sind innerhalb von zwei Jahren ermordet worden und ein weiteres wird vermisst. Nur ist nichts wie es zuerst scheint. Jo werden zwei junge Ermittler zur Seite gestellt, welche jedoch nicht nur ihre Hilfe einbringen, sondern eben auch ihre Probleme.


So fechten die Schatten der Vergangenheit dieser drei Ermittler einen ungleichen Kampf und ihre Leidenschaften brennen im Inferno der Realität. Schär, der seine Vergangenheit lieber verdrängt, als sie zu akzeptieren und vom Gefühl der Schuld zurückgehalten, nicht der Mann sein kann, zu dem er bestimmt ist, wird um Eve ergänzt, die zu gut für ihren Beruf aussieht und unter dem Klischee einer von Männern dominierten Branche zu leiden hat. Dem nicht genug wird die junge Frau zwischen diesen Klischees und dem elenden Narrativ eines verdrehten Feminismus, dass Frauen alles können und der darin impliziten Forderung, dass sie dadurch auch alles tun müssen, zerdrückt.


Noch nie haben sich die beiden jungen Ermittler dadurch eine einzige Frage gestellt: „Was will ich und wer bin ich?“ Und hierdurch kennen sie auch nicht die Antwort auf die Frage: „Zu was bin ich fähig?“ Zwei Fragen, die wohl jeder junge Mensch der Moderne nachvollziehen kann und eine weitere, auf die wir in unserer fragilen Zeit unbedingt eine Antwort finden müssen.



Als wäre dies nicht genug, müssen sich die drei Protagonisten Jos totgeglaubter Nemesis stellen. Jenem Mann, dem er alles opferte, ALLES. Der ihm nicht nur raubte was ihn ausmachte, sondern ebenfalls zeigte, dass er nicht jener Mann ist, den er all die Jahre glaubte darzustellen. Dieses Mal entwickelt sich jedoch der persönliche Kampf von Jo und UaB (der sich rächenden Weltenseele) zu einem Krieg um die Herzen unserer so tief gespaltenen Gesellschaft.


Zwischen politischen Ränkespielen und dem permanenten Spektakel analoger, digitaler und sozialer Medien stellt der Antagonist nur eine einzige Frage: Sind die Menschen es überhaupt wert zu existieren? Und diese Antwort versucht er zu finden, indem er ihnen zeigt, zu was sie im Stande sind.



So entfaltet sich diese Geschichte und stellt nicht nur Fragen an die interessanten Charaktere, ihre Handlungen werfen ebenfalls Fragen an unsere Gesellschaft auf, welche wiederrum von den Konsequenzen aus den Handlungen der Charaktere beantworten werden: Wie wirkt Populismus auf eine aufgeklärte Gesellschaft und wie verändert sich diese hierdurch? Was ist der Einfluss analoger, digitaler und sozialer Medien in einer Gesellschaft, welche zu jeder Zeit glaubt rational zu sein?


Letztlich entwickelt sich ein Buch, welches sich dem Ziel der Unterhaltung verschrieb und hierdurch versuchte dem ein oder anderen Problem zu begegnen, zu einer Gesellschaftskritik, die sogar den Autor überrascht. Alles nur, weil dem Werk der nötige Raum zur Entfaltung belassen wurde und das Abenteuer den Mut hatte interessante, aber verheerende Fragen zu stellen.


Die Motivation und der Ursprung dieses Buches


Mit der Motivation oder dem Grund ist es eine eigentümliche Sache. Denn keiner würde doch sagen, dass all seine täglichen Handlungen ihm vollkommen bewusst sind. Es fängt schon mit der Wahl der Kleidung an. Die wenigsten könnten wohl genau und wissenschaftlich akkurat beschreiben, wieso sie gerade diese Kombination aus Klamotten wählten. Wieso die Jeans und nicht die schwarze Stoffhose, wieso das Hemd und nicht das T-Shirt, wieso das enge grüne Top und nicht den Hosenanzug, wieso das konservative Blumenkleid und nicht das scharfe kleine Schwarze?


Nun es gefällt, es kommt uns beim Anziehen richtig vor. Doch was steckt alles hinter einer solchen Intuition: Wen treffe ich heute? Wie sehen mich andere in diesen Kleidern? Was will ich aussagen? Welchen Eindruck will ich machen? Heute könnte ich meinen Schwarm treffen? Wahrscheinlich sind es noch hunderte mehr und dennoch schaffen wir alle uns anzuziehen, ohne mit einer Strichliste all diese Fragen durchzugehen. All dies funktioniert so intuitiv und automatisch, dass wir danach kaum über unsere Gründe oder die Motivation hinter dieser Handlung sprechen können.


Ähnlich geht es dem Autor, wenn er nach seiner Motivation gefragt wird, dieses oder jenes geschrieben zu haben. Die ehrlichste Antwort wäre wohl, weil es in seinem Gefühl lag. Etwas in ihm trieb ihn dazu gerade dies, auf diese Art zu schreiben. Womit wir wieder beim Anspruch der Freiheit an das eigene Werk angelangt sind.


Verständlich ist aber auch, dass niemanden eine solche Antwort befriedigt. Uns faszinieren Geschichten so sehr, dass wir genau wissen wollen, was unsere Lieblingsautoren dazu trieb sie zu erdenken und dann zu Papier zu bringen.


Wenn ich jedoch ehrlich sein möchte, was immerzu mein Ziel ist, muss ich sagen, dass ich die Frage nach der Motivation oder dem Grunde nicht präzise beantworten kann. Dennoch kann ich sie auf meine Art mit etwas Leben füllen und hierdurch an mein Werk heranführen.

So keimte die Idee zu dieser Geschichte in mir auf, als ich eines Tages im Stuttgart Bahnhof, auf dem Weg nach Hause, von hunderten schwerbewaffneten Bundespolizisten begrüßt wurde. Tags zuvor hatte ein Anschlag in Frankreich stattgefunden.


Irgendetwas in mir wurde durch dieses Ereignis geweckt, aber nicht meine Angst weckte es, sondern meine Neugier. Ich begann mich für die Motivation dieser Massenmörder zu interessieren. Ich wollte zum Grunde ihres Wesens vorstoßen und so las ich die Geschichten bekannter Amokläufer und Selbstmordattentäter und stellte fest, dass sie alle etwas gemein hatten, sie litten, Leid und Tragödie war das große Thema ihres Lebens und so stapelten sich Ressentiments gegen die Gesellschaft in ihnen auf. Sie gaben jemandem die Schuld für ihr Leid und dieser Jemand waren niemals sie selbst.


Es gab etwas Böses in ihnen und dieses Böse projizierten sie auf andere. Was mich dazu verleitete eine noch tiefere Frage zu stellen: Ist dieses Böse nur in ihnen oder kann ein jeder von uns zum „gerechten“ Mörder werden? Eine Frage, die mich in die Abgründe der menschlichen Natur führte und allmählich begreifen ließ, dass der Unterschied zwischen mir und diesen Menschen nicht so groß ist, wie ich es gerne hätte und dies trifft nicht nur auf mich zu.


Immer mehr wollte ich über diese pathologischen Individuen wissen und beschäftigt man sich mit Massenmorden, Hass, dem Zorne selbst und fadenscheinigen Legitimation dahinter, landet man unwillkürlich bei den zahlreichen Genoziden des 20. Jahrhunderts.


Denn die Schrecken des 20. Jahrhunderts schreien uns die Antwort auf die entscheidende Frage meiner Arbeit entgegen. Die Frage zu was der Mensch fähig ist, beantwortet dieses dunkle Jahrhundert mit der Erinnerung an Umerziehungslager, Gulags und Konzentrationslager. Hierbei brüllen uns die Berichte der dortigen Gefangenen eine Antwort auf unsere Frage entgegen: Zu allem! Der Mensch ist zu allem fähig!


Jedoch versucht ein jeder diese Realität von sich zu weisen, ein menschlicher Reflex, wer setzt sich schon gerne mit dem eigenen Bösen auseinander? Wir schieben die damaligen Ereignisse auf die populistischen Einflüsterungen der totalitaristischen Diktaturen. Jedoch muss uns dabei klar sein, dass nur die wenigsten großen Systeme entgegen der menschlichen Natur funktionieren.


Liegen also Diktaturen und der Totalitarismus in der menschlichen Natur? Nun betrachten wir doch hierfür einfach die Menschheitsgeschichte und wir erkennen wie selten Freiheit und wie alltäglich Zwang ist. Was auf die Fragilität der Freiheit hinweist und dies eröffnet uns eine weitere Realität: Jede Gesellschaft ist nur eine Generation vom Totalitarismus entfernt.


Vom gerechten Zorn motiviert begehen wir immer wieder unaussprechliche Taten. Dies scheint so nahe an der Natur des Menschen zu sein, dass sogar kulturkanonische Texte wie die Bibel vom Brudermord, vom „gerechten Zorn“ eines Bruders über den anderen berichten. Abels Arbeit wurde von Gott gewürdigt, jene Kains nicht und dieser suchte hierfür nicht den Schuldigen in sich selbst, sondern fand ihn in Gott und seinem Bruder.


Diese Schuldfrage ist der Kern des Ressentiments, des Hasses und letztlich auch jene des gerechten Zorns.


Totalitaristen machen das „Böse“ in selbst definierten Gruppen aus und dies lässt ihren gerechten Zorn frei. Die Nazis in den Juden, die Stalinisten in den Kulaken und die Sozialisten unserer Welt in den Profiteuren des freien Marktes. Diesen Gruppen geben sie die Schuld für die Misere ihres eigenen Lebens. Sie sind davon überzeugt, wenn nur diese Gruppe verschwindet, rückt eine gesellschaftliche Utopie einen Schritt näher. Dies verleitet sie dazu ihren gerechten Zorn auf Ausbeuter, Monster und Parasiten zu richten. Es ist eben einfacher einen Sündenbock zu finden, als Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.


Den Massenmördern geht es nicht anders, denn genau dies schien die Attentäter von Paris anzutreiben. Dies geht zumindest aus den literarischen Hinterlassenschaften einiger Amokläufer hervor. Sie projizieren ihren Selbsthass auf den Rest der Menschheit. Die Menschheit ist böse, schlecht, ein Virus und dies macht es zur Aufgabe des Helden, gegen eben dieses Böse zu kämpfen. Hass richtet sich auf das selbstdefinierte Böse, welchem die Schuld für die eigene miserable Existenz gegeben wird, und wandelt sich somit in gerechten Zorn. Dieser dient doch immer einer gerechten Sache oder finden sie nicht?


Wir alle tendieren zu dieser Art der Selbstrechtfertigung, vielleicht weil wir nicht wissen, zu was es im schlimmsten Fall führen kann, zu was wir selbst fähig sind. Denn es gibt Teile unseres Selbst, die in die tiefste Hölle hinabreichen. Sind wir uns dieser Tatsache nicht bewusst, lassen wir zu, dass unser Potential zum Hass, jenes Erbe der tiefsten Hölle, sich in gerechten Zorn wandelt und dies macht uns nicht nur zu dessen Sklaven, sondern wir glauben gleichzeitig noch frei zu sein.


Womit der Ursprung meines Buches in der inneren Rechtfertigung des Massenmordes liegt, die darauffolgende Motivation im Verstehen wollen totalitärer Strukturen zu finden ist und das letztliche Werk erfahren will, wie und warum Individuen im Zuge all dessen handeln und zu was sie fähig sind, wenn sie glauben eine Legitimation zu besitzen. Wie weit jeder einzelne also wirklich von den Pariser Attentätern entfernt ist?


Der Titel als Brücke und Teil beider Ebenen


Für immer schlafende Kinder als Titel ist auf der einen Seite recht offensichtlich, nämlich ein Hinweis darauf, dass Kinder ihr Leben verlieren, doch dies greift nicht weit genug, es geht um den Grund. Es geht darum, wieso Kinder in dieser Welt sterben müssen. Es geht darum, dass ein Individuum für immer schlafen müssen, wenn es Kind bleiben möchte und dies raubt den anderen Kindern ihre Chance zu leben. Es ist das Wissen um das zweite thermodynamische Gesetz, nämlich jenes, dass alles dem Zerfall unterworfen ist.


Dieser Zerfall menschlicher Systeme und Errungenschaften können nur von integren Individuen verhindert werden, indem diese integren Individuen verantwortungsvoll handeln. Doch was heißt es verantwortungsvoll zu handeln? Verantwortung zu übernehmen bedeutet das eigene Handeln nicht durch jenes anderer zu legitimieren. Die Frage, zu was man selbst fähig ist, auf einer persönlichen Ebene zu beantworten und nicht die eigenen Handlungen unter dem Deckmantel einer fadenscheinigen Begründung vor einem Selbst zu rechtfertigen. Gelingt uns dies nämlich nicht, wandelt sich Hass in gerechten Zorn und Probleme werden zu Tragödien. Wie jedoch kann dies verhindert werden?


Die Welt mag ein wütender und gruseliger Ort sein, doch ebenso ist sie ein wunderschöner Ort, gespickt mit unfassbaren Menschen. Mit Menschen, die erkannt haben, zu was sie fähig sind und aktiv daran arbeiten ihrem schlimmsten möglichen selbst nicht zu verfallen. Um es erneut mit anderen Worten aufzugreifen: Alles in unserer Welt, jede Errungenschaft, jede Kultur und sogar die Zivilisation selbst ist vom Zerfall bedroht und dies zu jeder Zeit. Betrachten wir nun, wie ältere Kulturen verfallen sind, lassen sich Parallelen zu einem kindlichen Verhalten der entscheidenden Akteure dieser Kulturen finden. Es kommt nun aber in einer vernetzten Welt hinzu, dass ein jeder von uns zum entscheidenden Akteur wird.


So muss nun die einzelne Person in seinem Kompetenzbereich gegen den Verfall ankämpfen, indem sie zuerst Verantwortung für das eigene Leben übernimmt und ist ihm dies gelungen, den Zirkel seiner Verantwortung stetig erweitert.


Jedes Erwachsenwerden ist eine Art Bewusstwerdung. Die eigene Sterblichkeit wird einem bewusst und somit auch, dass Leid ein immanenter Bestandteil des menschlichen Lebens ist. Es wird einem bewusst, dass es die eigenen Handlungen sind, welche einen Einfluss auf das eigene Leben haben. Die Flucht in ein Kollektiv wird unmöglich und jemand anderen für die persönliche Situation verantwortlich zu machen, verliert jede Kredibilität. Findet diese Bewusstwerdung jedoch nicht statt und versucht ein jeder krampfhaft die kindliche Freiheit zu bewahren, schläft das Kinde eben für immer und sucht sich andere, auf die es Verantwortung abladen kann. Überall dort, wo keine Bewusstwerdung stattfindet, wird geschlafen und überall wo geschlafen wird, findet kein Wachstum statt. Dies hat den großen biologischen Nachteil, dass alles was nicht wächst, relativ schnell stirbt.



Wie soll diesem Zustand aber begegnet werden, wer von uns würde nicht gerne für immer Kind bleiben? Jedoch ist dies nicht die Frage, sondern eine andere drängt sich durch diesen Wunsch auf. Was geschieht nämlich, wenn wir krampfhaft durch bewusste und unbewusste Facetten unseres Selbst versuchen Kind zu bleiben?


Eine Frage, die speziell die Reihe „Für immer schlafenden Kinder“ sich zur Aufgabe gemacht hat zu beantworten. Beziehungsweise diesem Problem hat sich das Abenteuer dieser Reihe verschrieben.


Womit das Ende, wie der Anfang, zu einer einzigen Frage zurückkehrt, zu der Frage der menschlichen Natur und auf einer charakterlichen Ebene zu der wohl persönlichsten Frage überhaupt: Wer bin ich? All dies erweitert um eine Frage, die wir uns aufgrund der Beschaffenheit unserer Gemeinschaft stellen müssen: Zu was bin ich fähig? Gelingt es uns diese Frage zu beantworten, haben wir alle einen riesigen Schritt auf dem Weg zur Bewusstwerdung getan und können vielleicht den Zustand des Schlafes hinter uns lassen.


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