• Maurice Bouillon

Das Manifest der Antitorheit Teil I

Aktualisiert: 28. März 2019

Die Ideen der Antitorheit haben mein Leben gerettet, sie zusammenzutragen hat mich am Leben gehalten, doch die Ideen darin haben mich davor bewahrt zu sterben. Carl Jung sagte schon, dass man die Wunden anderer nur heilen kann, wenn man selbst welche hat. In wenigen Sätzen steckte wohl jemals mehr Wahrheit und zu großen Teilen ist diese Aussage wohl der Grund für all dies hier. Deshalb möchte ich ihnen das Manifest der Antitorheit vorstellen:

„Jeder will lieber glauben als nachdenken, und so wird nie über das Leben nachgedacht.“ Seneca

Der Titel des Manifests mag etwas pessimistisch anmuten, doch dies ist er in keinem Fall. Ihm kommt jedoch eine wichtige Aufgabe zu, so soll er uns allen klar machen, auf welche Art und Weise wir uns unterhalten werden und unter welchem Grundgedanken ich diese Zeilen geschrieben habe. Ich möchte niemandem wohlklingenden Lügen auftischen, noch möchte ich mit süßen Halbwahrheiten ruhigen Schlaf bescheren. Ich nehme die Ideen der Antitorheit dafür viel zu ernst, immerhin haben sie mein Leben gerettet. Aus dieser Ernsthaftigkeit ist das große Ziel meines Lebens und der Antitorheit selbst entstanden: Das Ziel die Wahrheit zu finden, die eigene Wahrheit.


Wahrheit ist etwas zutiefst Paradoxes, zumindest wenn wir sie nicht genau definieren, doch da wir sie nicht genau definieren können, bleibt sie paradox. Ich versuche es erneut mit anderen Worten: Ich kann nicht die Wahrheit oder den Sinn eines anderen Menschen definieren, nur meine eigene. Sinnsuche ist immer die Suche nach der eigenen Wahrheit, definieren können sie diese aber erst, wenn sie diese gefunden haben. Um ihre Wahrheit zu finden, müssen sie sich selbst und die Welt in der sie leben verstehen, hierbei kann und soll die Antitorheit ihnen helfen. Dies ist das ausgesuchte, einzige und hehre Ziel. Es soll dabei helfen Wahrheit zu finden und dies soll ihm gelingen, indem es Komplexität verringert. Die Komplexität, welche im Individuum ruht und die Komplexität, die um jenes herumtobt.


Individuum bedeutet „Unteilbares“, es ist etwas Seiendes, was von Gegenständen klar abgrenzbar ist. Der Mensch wird als ein solches bezeichnet, um ihn als Subjekt und Träger von Rechten, Pflichten und Verantwortungen zu definieren. Das Gegenteil des Individuums ist das Kollektiv.


Komplexität entstand aus der Freilassung des Denkens, aus der Entdeckung des Individuums. Die Aufklärung, also der Ausgang des Menschen aus der Unmündigkeit (die Selbstverschuldung sei Mal dahingestellt.), eröffnete die Möglichkeit sich des eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Aus diesem Grund spreche ich von einer Freilassung des Denkens. Denn vergleichen wir es mit einem Sklaven, dann kann dieser als frei bezeichnet werden, wenn kein Meister mehr sein Tun und Unterlassen bestimmt.


Doch der Sklave muss nach seiner Freilassung für sich selbst sorgen. Freiheit ist eine tolle Sache, keine Frage, ebenso ist sie aber eine Bürde. Es erfordert Mühe und Verantwortung sie zu meistern. Sie ist die wohl komplexeste Errungenschaft des Menschen.


Loben wir aber zuerst einmal diese geschichtlich einmalige, flächendeckende Freilassung des Denkens. Denn sie ließ ebenfalls die Wahrheit frei und mit ihr trat der Sinn in unser Leben. Alles komplexe Worte, deren Form allein schon nicht dazu beitragen Komplexität zu verringern, doch es ist unendlich wichtig, dass ein jeder weiß, über was wir hier sprechen.


Mit der Wahrheit ist es so eine Sache. Ein jeder weiß, was ein wahrer Freund ist, doch wissen wir dies wirklich? Wie würden sie persönlich einen wahren Freund definieren, ich denke, ein jeder wird andere Attribute als wichtig erachten und doch können wir uns auf das ein oder andere verständigen. Niemand würde einen verräterischen Freund wollen, also sollte ein wahrer Freund treu sein, doch in welcher Hinsicht treu? Soll er das eigene Leben vergessend, uns in jeder Situation mit seinem Leib schützen? Wären wir in einer solchen Situation noch ein wahrer Freund, wenn wir zulassen, dass sich unser Freund opfert?


Allein darüber nachzudenken bringt das eigene Gehirn zum Kochen, finden sie nicht? Es ist auch eine recht nutzlose Überlegung, da sie sich immerzu im Kreise dreht. Doch wieso dreht sie sich im Kreise? Nun, wir versuchen eine allgemeingültige Definition des wahren Freundes zu finden. Für eine solche Definition sind Individuen aber viel zu verschieden. Jeder kann aber mit etwas Mühe, eine eigene Definition für sich finden. Ich benutze absichtlich das Wort finden, da es keine Sache des Wissens ist, wir können nicht von Geburt an wissen, was oder wer ein wahrer Freund ist. Diese Wahrheit zu finden gleicht einer Suche und als solches sollten wir Wahrheit immer sehen, sie ist ein Weg, eine Suche, ein Abenteuer und kein Fixpunkt.


Die Freiheit ließ Komplexität und Wahrheit frei. Unsere Wahrheit soll uns dabei helfen, diese Komplexität zu verringern, erklärbar und somit ertragbar zu machen.


Sprechen wir über die Geburt und die Probleme der Komplexität, bevor wir wieder zur Wahrheit zurückkehren.


Der freundliche Feind, der unfreundliche Freund – Die Komplexität


Komplexität ist die Realität des menschlichen Lebens und es ist unser Schicksal und unser Fluch diese erklärbar und ertragbar zu machen. Es fängt doch schon mit den beiden großen Fragen des Lebens an. Die eine ist bekannt und oft Bestandteil der menschlichen Phantasie, es ist die Frage nach dem Tod. Die zweite Frage ist eng mit der Ersten verbunden und wird doch seltener gestellt. Wenn wir wissen möchten, wo wir nach unserem Leben hingehen, sollte uns doch auch interessieren, wo wir herkommen. Wie entsteht also unser Leben, was sind wir vor unserer Geburt?

Schon zwei Fragen machen das Leben, ohne eine halbwegs richtungsweisende Erklärung zu komplex, um es leben zu können. Ein jeder um uns herum stirbt, wir selbst ebenfalls. Gehen wir ins Nichts, was geschieht mit unserem Bewusstsein? Fragen über Fragen und es kann uns verrückt werden lassen, keine Gewissheit zu erlangen. Dem Menschen verlangt es nach Sinn, dies ist ein über die ganze Welt nachgewiesenes psychologisches Phänomen. Wir müssen die Welt um uns herum erklärbar machen. Leider gibt es aber keine Gewissheit, Aug in Aug mit der Komplexität von Geburt und Tod.


Zu unserem Glück gibt es aber etwas zwischen Geburt und Tod, das allseits bekannte Leben. Dieses ist jedoch nicht weniger komplex, um es also führen zu können, brauchen wir eine Wahrheit. Optimalerweise klärten die Wahrheiten der vergangen Tage auch ebenfalls die Frage nach Geburt und Tod. Religionen und Gottglauben machten die Welt seit der Bewusstwerdung des Menschen erklärbar. Jede Kultur, jeder Stamm und jede Ansammlung von Menschen, huldigte in einer oder der anderen Weise einem Gott. Nicht so die westliche moderne Kultur und durch ihre teilweise überlegenen Institutionen und Mechanismen, nun auch die gesamte Welt.


Was ist für diese Entwicklung verantwortlich?


Das Sterben Gottes



Das Sterben Gottes hat uns der Realität ausgeliefert. Denn Gott schützte uns vor dieser Realität, er reduzierte Komplexität und machte das Leben erklärbar. Der Umstand des religiösen Sterbens bringt zahlreiche Probleme mit sich, welche wir aber allein durch eine Rückkehr zum Glauben, niemals lösen könnten. Wir haben Gott getötet und die Aufklärung war unsere Waffe. Die Aufklärung war Freilassung für Wohlstand und alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, doch ebenso für negative Dinge. Ich bin wie schon angedeutet ein eiserner Vertreter der Aufklärung und werde die Ideale der Freiheit, des Individuums, der Logik, des Sinns und der Kausalität bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen. Doch wieso gibt es in einer aufgeklärten Welt noch immer tiefgehende Sinnkrisen auf der Ebene des Individuums. Wieso leidet der moderne Mensch an so vielen neurologischen Störungen und fühlt sich selbst immer entfremdeter?


Nun die Moderne hat die erste Gesellschaft hervorgebracht, die sich nicht mehr eines Gottglaubens bedienen kann. Dies hat viele Vorteile, von absoluter Freiheit, bis hin zu Hierarchien, welche sich anhand von Kompetenzmerkmalen zusammensetzen. Eine religiöse Hierarchie ist nämlich eine der Macht, bzw. des Glaubens, was aber auch nicht viel anderes als Macht ist. Aufgeklärte Hierarchen sind diesen überlegen, da sie effizienter Probleme lösen können, was die einzige Notwendigkeit einer Hierarchie darstellt. Eine Hierarchie, welche sich anhand der Festigkeit und Erhabenheit des Glaubens formiert, kann niemals so effizient Probleme lösen, wie eine solche, die sich anhand von Kompetenzmerkmalen auffächert.


Was ist nun aber mit uns geschehen, als Gott starb oder besser gesagt, als wir ihn töteten. Dies sind nicht gänzlich meine Worte, sondern die eines Denkers, der in der Geschichte des geschriebenen Wortes seinesgleichen sucht. Friedrich Nietzsche kultivierte den Ausspruch des toten Gottes. Eine Binsenweisheit, jeder hat diese Aussage schon das eine oder andere Mal gehört, was aber die Wenigsten wissen, ist das diese Worte nur den halben Sinn widerspiegeln. Nitzsche schreibt in seiner Rede vom „Tod Gottes“ nicht nur von der Tatsache, dass Gott nicht mehr lebe, sondern auch wer ihn getötet hat.


Der tolle Mensch, so heißt der Protagonist dieser kurzen Szene, rennt mit einer angezündeten Laterne auf den Markt. Dabei schreit er unaufhörlich, dass er auf der Suche nach Gott sei und erregt nur großes Gelächter. Den Rest dieser Erzählung will ich nicht ihrer Macht berauben. Lest sie deshalb in den Worten eines Menschen, der 200-300 Jahre vorausdachte und schon vor 150 Jahren sah, welchen Problemen wir uns in der Moderne stellen müssen:


~


Ist er denn verlorengegangen? Sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? Sagte der andere.


Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.


Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.


„Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen!

Wir haben ihn getötet – ihr und ich!

Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?

Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?

Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?

Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?


Wohin bewegen wir uns?

Fort von allen Sonnen?

Stürzen wir nicht fortwährend?

Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?

Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?

Haucht uns nicht der leere Raum an?

Ist es nicht kälter geworden?

Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?


Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?

Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?

Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen!

Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!

Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?


Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?

Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?

Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?

Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?


Es gab nie eine größere Tat – und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“


Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh“, sagte er dann, „ich bin noch nicht an der Zeit.


Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“ – Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: „Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?“


~


Oft wird Nitzsche als Religionskritiker bezeichnet, doch diese Analyse greift nicht weit genug. Zweifellos war er ein Kritiker der Kirche, also des organisierten Glaubens. Doch gerade diese kurze Episode sollte uns allen, seine große Sorge und Skepsis näherbringen, die er im Zuge einer spirituell richtungslosen Gesellschaft hegt.


Jedoch bedeutet skeptisch zu sein, nicht für die Rückkehr zu einem Glauben zu sein. Ebenso wie Nietzsche, bin auch ich Atheist und kann mir eine Rückkehr zum christlichen Glauben nicht vorstellen, auch wenn es keine Kirche gibt. Skeptisch zu sein bedeutet kein Tor zu sein. Ein Antitor weiß, dass jede Freilassung negative und positive Effekte hat und so auch die Befreiung vom Religiösen.


Im letzten Abschnitt konfrontiert uns Nietzsche mit einem wirkmächtigen Satz: „Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie dieselbe getan!“

Nietzsche spielt hierbei auf den Tor an, auf jenen, der etwas tut, ohne sich seiner Tat bewusst zu sein. So haben wir Gott getötet, unbewusst und jetzt haben wir weder ein Oben, noch ein Unten. Ist unser Leben, wie Nietzsche es beschreibt, zu einem Sturz geworden – nach links, nach rechts, nach allen Seiten? Irren wir durch das unendliche Nichts?


Nicht ganz, denn dies würde bedeuten, dass wir zu Nihilisten geworden sind. Sind wir eine Gesellschaft, die an nichts mehr glaubt? Ich persönlich finde nicht, wir sind zu einer Gesellschaft geworden, die an Lügen glaubt. An die Lügen der verschiedenen Ideologien, an edle Lügen, die einen Gründungsmythos simulieren sollen. Doch kommen wir zu „edlen Lüge“ etwas später.


Nun glauben wir an zu viele Dinge, doch woran liegt dies? Nun, wenn wir keine Nihilisten sind, müssen wir an irgendetwas glauben, wenn wir schon nicht mehr an eine spirituelle Lehre glauben. Denn der Mensch braucht ein Oben und Unten, sonst wird die Komplexität der Realität unerträglich. Es ist für ihn eine Art Zwang die Welt erklärbar zu machen. Deshalb wenden wir uns anderen Erklärungen dieser Realität zu und diese Erklärungen sind die Geburtsstunde von Ideologien. Ideologien sind eine Zusammensetzung aus Weltanschauungen, Regeln und Werten.


Denn es ist nun einmal so, dass es viele Arten und Weisen gibt, diese Welt zu interpretieren. Emotionen, Logik und Macht, nur um ein paar zu nennen. Mit Hinblick auf den sozialen Frieden und den Zusammenhalt in unserer Kultur gibt es nun aber bessere und schlechtere Interpretationen der Welt. Es gibt toxische und weniger toxische Ideologien. Doch wie erkennen wir den Unterschied? Nun betrachten wir, wie sie versuchen ihre Aufgabe zu erfüllen. Wie reduzieren diese Ideologien Komplexität?


Die falsche Art Komplexität zu verringern


Durch das Fehlen von Oben und Unten entsteht die Komplexität und persönlich halte ich diese für den wichtigsten und wohl immanentesten Bestandteil der Realität des denkenden Individuums. Dieses Individuum findet Komplexität in sich und um sich herum. Im Inneren setzt sich das Selbst aus einem unterbewussten und einem bewussten Teil zusammen. Um dies noch etwas komplizierter zu machen, leben diese beiden Teile in einem Wirkungsverhältnis zueinander. Zusätzlich steht das Selbst aber noch in einem Verhältnis zu der äußeren Komplexität der Welt.


Eine Art Dreiecksbeziehung, welche wir als die Realität anerkennen müssen. Dieser Realität lieferte uns die sterbende Spiritualität aus, unserem Selbst und der Welt um uns herum. Dies allein produziert ein einziges Problem, es macht Leben unmöglich. Also müssen wir, um leben zu können, einen Weg finden, die Realität erklärbar zu machen. Doch gerade schlechter Umgang mit Komplexität produziert unfassbar Schreckliches, für uns selbst und für alle um uns herum. So ist die falsche Art Komplexität zu verringern für mörderische Ideologien, Sinnlosigkeit, Krankheit, unnötiges Leid, Tribalismus, Armut, Moralismus, Religionen, Staaten und vieles mehr verantwortlich, was in seiner Zügellosigkeit dazu tendiert, Schaden anzurichten. Managen wir Komplexität auf die falsche Art und Weise, verursachen wir als Menschheit, in erschreckender Regelmäßigkeit unfassbare Höllenfahrten.


Genug der Vorrede, was ist nun also die falsche Art Komplexität zu managen:


Ohne ein Oben und Unten fallen wir einem Narrativ zum Opfer und dieses wird zu unserer Wahrheit, welche Moral und Realität für uns determiniert. Wir erklären die Welt auf eine Art und Weise, die uns keinen Gefallen tut, die sogar schädlich ist. All dies geschieht aus einem Nichtwissen über das eigene Selbst heraus. Denn dieses Nichtwissen ist die Grundvoraussetzung dafür einer Ideologie zu verfallen. Der Tor ist hierfür besonders gefährdet, denn er handelt nicht bewusst, er ist sich den Facetten seines Selbst eben nicht bewusst. Wie entstehen also toxische Ideologien?


Viel davon ist im Jungschen Archetyp des Schattens zu finden, nachher werde ich noch näher auf diesen eingehen; für jetzt muss genügen, dass der Schatten aus unbewussten Teiles der eigenen Persönlichkeit besteht, welche zu einem großen Teil als negativ oder Böse bezeichnet werden können.


Das Böse in uns und somit auch der Schatten wird von Ressentiments genährt und macht sich durch Projektionen bewusst. In diesem Fall projiziert das Individuum das eigene Böse auf andere. Wenn der Schatten einem Individuum nämlich gänzlich unbekannt ist, ist dieses auch blind für die Macht des Ressentiments. Dieses mächtige Vorurteil kann dann ohne Reue und Reflektion ausgelebt werden.


Definitorisch wird ein Ressentiment als starkes Vorurteil gesehen, doch wissen wir auch, was damit gemeint ist? Ein Vorurteil sollte uns allen ein Begriff sein, doch in welcher Form erhöht ein Ressentiment das Vorurteil? Nun es zementiert dieses und lässt das Opfer des Vorurteils nicht mehr daraus entkommen. Erklären wir diese Dinge anhand eines Beispiels:


Ressentiments werden aus persönlichen Erlebnissen und ideologischen Einflüsterungen geboren. Versetzen wir uns praktischerweise ins Jahrzehnt der 30er des letzten Jahrhunderts. Ins Alltagsleben eines Bürgers der Weimarer Republik und der Sowjetunion. Hitler war in Weimar auf dem Vormarsch und Stalin hatte die Macht in der Sowjetunion inne.


Der eine schürte Hass gegen Juden und der andere gegen die sogenannten Kulaken. Beide sorgten für die systematische Vernichtung dieser Gruppen. Doch wie konnte dies geschehen, selbst wenn man unterstellt, dass Stalin und Hitler das Böse in Person waren, allein hätten sie niemals so viele Menschen töten können. Es gehörte ein ganzer staatlicher Apparat zu einer solchen Operation, mit anderen Worten waren zahllose Menschen für diese Taten verantwortlich. Wieso handelten also diese Menschen, wie sie handelten?


Nun sie sahen die Mitglieder dieser Gruppe nicht mehr als Menschen an, sie waren zu Parasiten und Ausbeutern geworden. Sie waren die Unterdrücker und es glich einem Akt der Befreiung diese zu töten. Ist es nicht recht und billig gegen die eigenen Unterdrücker vorzugehen? Ja ist es nicht sogar die Pflicht eines freien Menschen?


Die Frage nach dem Prozess drängt sich auf. Wie wurden vormalige Nachbarn und Freunde so plötzlich zu Unterdrückern? Nun sie wurden von Ideologen, deren offenes Ziele es war Komplexität zu verringern, die Welt erklärbar zu machen, dazu gemacht. Ihr offenes Ziel mochte es gewesen sein der Welt eine ideologische Struktur zu geben, die Wirklichen wurden erst später enthüllt. Nun wissen wir aber noch immer nicht, wieso die Menschen den Aufrufen gefolgt sind.


Nun die Komplexität verschwand aus ihren Leben, die Ideologien boten ein Oben und Unten, ein Oben der Gruppen und ein Unten der Linien im Sand. Ein einfaches Narrativ wurde immer wieder beschworen, ein Wir gegen Sie, die Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Es gab etwas zu tun, etwas Einfaches, dass sofort getan werden konnte – es galt den Parasiten, den Unterdrücker zu töten.


So wurde der jüdische Bankangestellte vom rationalen Geschäftsmann, der Kredite aufgrund zu weniger Sicherheiten ablehnt, zum blutsaugenden Parasiten und nur wert dazu vernichtet zu werden.


Mein Hauptproblem mit Ideologien ist, dass sie nicht an die Realität glauben und sich von dieser auch nicht beirren lassen. Es geht ihnen nicht um die freie Entscheidungsgewalt des Individuums, sondern darum, alle in ein Narrativ zu pressen. Sie glauben an das Gegenteil des Individuums, an das Kollektiv. Sie glauben nicht an das Einzelne was unteilbar ist, für sie ist nur die Freiheit der Gruppe entscheidend. Doch ohne die Freiheit des Individuums, ohne das Individuum selbst, gibt es keine Freiheit.


Ideologen sind Deterministen und hat etwas nicht den Effekt, welchen sie sich wünschen, ist ein jeder, nur nicht die eigene Überzeugung dafür verantwortlich. Alles wird zu einer kognitiven Verzerrung, auch vermeintlich freie Entscheidungen. Es wird eine Welt geschaffen, in der nichts wahr ist, damit der Tor mit einer kohärenten edlen Lüge in einen Bann gezogen werden kann.


Dies ist eine so interessante Theorie, da der Ideologe in diesem Modell immer recht hat, praktisch hat dies aber zur Folge, dass er immer Unrecht hat. Letztlich lässt sich nämlich die Realität an keine Theorie anpassen. Dennoch treibt der Ideologe seine Agenda weiter voran. Jeder, der ihm entgegentritt, leidet unter einer kognitiven Verzerrungen und kann einfach die „Realität“ der Welt nicht wahrnehmen. Der Ideologe eröffnet einen Weg diese „kognitiven Verzerrungen“ abzubauen, meist durch Trainings und Umschulungen. Wenn es eines gibt, was diese Welt braucht, sind es kollektive Umschulungen, welche dem Ziel dienen, Individuen in ein Narrativ zu pressen. So wollte es auch schon Mao, der mit seinem „großen Sprung nach vorne“ mehr als 50 Millionen seiner Landsleute in den Tod führte. Sollte ihnen jemals jemand ein Sensitivitätstraining nahelegen, antworten sie dieser Person mit diesem Fakt. Dies war das Ergebnis eines kollektiv angelegten „Sensitivitätstrainings“.


Ziel einer solchen Maßnahme war immer eine Kulturrevolution, wie jene Maos. Doch nicht nur linke Kollektivisten schwangen sich zum Richter der Welt auf, Rechte standen ihren engen Verwandten in nichts nach. So wollte auch Hitler nicht nur die Menschheit, sondern die Menschen an sich verändern. Die Menschheit sollte dies annehmen oder für immer untergehen. Es war ein Endspiel, eines mit dem höchsten Einsatz.


Man mag sich kaum vorstellen, wie viel Hass und Ressentiment sich gegen die Menschheit anstauen muss, bis man zum Schluss dieser Kollektivisten kommt. Doch der Hang des Tors zur unbewussten Selbstsabotage ist groß, er ist sich seines eigenen Bösen nicht bewusst und projiziert es deshalb auf den Rest der Menschheit. Der Mensch ist schließlich Böse und der Held, wie sich der Ideologe selbst sieht, muss dies ändern. Wundern sie sich nicht, wenn sie einen ihrer Bekannten in dieser Beschreibung erkennen, noch immer bevölkern linke und rechte Kollektivisten die politischen Landschaften dieser Welt.


Deshalb sollten wir uns vor gesellschaftlichen Richtern in Acht nehmen, jene die mit dem Finger auf andere zeigen und die Mittel des Zwangs nutzen, um ihre Ziele zu erreichen. Denn ihr Ziel ist Macht, die Macht etwas zu verändern. Doch was geschieht, wenn es ihnen nicht gelingt? Sind wir dann nur wert unterzugehen, wie in Hitlers Augen?


Moral ist ebenfalls eine zutiefst falsche Vorgehensweise, um Komplexität zu verringern, selbst wenn sie von einem Nicht-Tor genutzt wird. Für den Tor ist Moral Moralismus, jene Moral, die ohne Sachverstand auskommt und nur auf einem subjektiven Gefühl beruht. Doch selbst die Moral an sich, welche teilweise mit Sachverstand gesegnet ist, wird durch die Narrative um uns herum manipuliert. Sie ist zutiefst subjektiv und somit ebenfalls nutzlos oder zumindest skeptisch zu betrachten, wenn man versucht Komplexität zu verringern. Sollte das einzige Argument für eine Sache ein moralisches sein, muss weiter nachgedacht werden, denn es kann auch argumentiert werden, dass es moralisch ist alle Menschen auszulöschen, wie es der ein oder andere Massenmörder in der Vergangenheit getan hat.


Denn moralisch ist auch jenes Argument, dass der Mensch sterben muss, damit er die Natur nicht länger vergiften kann. Moralisch ist ebenfalls jene Forderung, dass der Mensch sterben muss, um Leid zu verhindern. Ein moralisches Argument für das Leben ist wohl nach den Schrecken des 20 Jhd. nicht mehr zu finden…


Deshalb sollten wir niemals die Realität verweigern oder uns zu ihrem Meister aufschwingen. Wir sollten uns nicht von unseren Gefühlen verzehren lassen, denn dies endet immer in Wahnsinn, Mord und Blut. Tragödien werden zu Höllenspielen.


Von Zeit zu Zeit treffen Filme den Nagel auf den Kopf, es ist die Intuition des Künstlers, zu der wir später noch kommen, welche dafür verantwortlich ist. So zeigt uns die Star Wars Saga, was geschieht, wenn wir uns in einem unrealistischen Streben, unseren Gefühlen überantworten und jegliche Verantwortung von uns weisen.


Nun mögen einige glauben: Ach Darth Vader ist doch durch und durch Böse, eine Comicfigur, ich weiß was Böse ist und dieser schwarze Ritter ist Böse!


Leider zeigt es sich, dass wir nicht so recht wissen, was böse ist. Anakin (die vorherige menschliche Version von Darth Vader) hat wenig von jenem, was wir uns unter dem puren Bösen vorstellen. Sein Abstieg begann mit der Liebe zu seiner Mutter. Diese wollte er vor ihrem Tod retten, was ihm aber nicht gelang. Sein Scheitern schlug eine tiefe Narbe. Diese Erfahrung sollte er niemals vergessen und so hatte er dunkle Vorahnung, dass auch die Liebe seines Lebens im Begriff war zu sterben. Leben endet nun einmal, dies ist Bestandteil der Realität. Diese wollte Anakin aber nicht akzeptieren und seine Gefühle kontrollierten ihn. Sein ganzes Denken war nur auf ein Ziel ausgerichtet, auf das edelste: Leben zu retten.


Doch verantwortungslos tat er alles, um dieses zu erreichen. Irgendwann wurde seine Liebe zu Hass, sie zerbarst an der kalten und unnachgiebigen Realität. Jener Hass hält die leblose Maschine Darth Vader aufrecht. Durch Vaders Adern fließt kein Blut, es pulsiert der Hass. Hierbei handelt es sich um eine interessante Metapher, jede moralische und vermeintlich Gute Tat, landet in einem Meer aus Hass, wenn sie die Realität ignoriert. Denn jede Niederlage gegen die Realität manifestiert das Ressentiment, gegen den gerade ausgesuchten Sündenbock. Letztlich wird man nicht mehr durch die Liebe für eine gute Sache motiviert, sondern wie Vader vom Hass angetrieben.


Gefährliche Ressentiments können nur aus einer Position der Schwäche heraus aufgebaut werden. Denn wieso sollte ich Hass oder Missgunst gegenüber einer Gruppe verspüren, wenn ich soweit über dieser Gruppe stehen, dass die Berührungspunkte verschwindend gering werden. Toxische Ideologien wollen die Welt in Gruppen einteilen, denn dies reduziert Komplexität. Diese Gruppen sollen wieder in Unterdrücker und Unterdrückte eingeteilt werden. Toxische Ideologien haben das Ziel den Tor zu einem Opfer zu stigmatisieren. Sie spielen vor durch Liebe für das Opfer motiviert zu sein, doch in Wahrheit motiviert sie der Hass auf den ausgesuchten „Unterdrücker“. Dies mag nicht immer bewusst geschehen, wahrscheinlich eher selten. Doch die Mitglieder dieser Ideologien sind sich ihres Schattens vollkommen unbewusst und projizieren diesen auf andere. Sie sind so sehr im eigenen Narrativ gefangen und dies lässt sie nicht erkennen, wie die Realität eigentlich beschaffen ist.


Kommen die Dinge übel, entwickelt sich aus einem durch Torheit gedeckter Ideologie ein totalitaristisches Regime. Jedoch sind hierfür weitere Probleme entscheidend. Wenn die äußere Komplexität überproportional wächst, wenn Informationen schneller als Weisheit zunehmen. Dann kann Totalitarismus entstehen. Denn irgendwann kommen die Menschen nicht mehr mit und suchen nach etwas, dass ihnen die Welt erklären kann, etwas dass die Realität ertragbar macht. Wissen sie in einer solchen Situation nicht über sich selbst Bescheid und haben auch die äußere Komplexität nicht unter Kontrolle, enden die Dinge unschön. Ein Tor weiß nicht um das eigene Selbst und dies macht ihn anfällig für die äußere Komplexität, doch um zum Antitor zu werden, reicht es nicht aus, nur über das Selbst Bescheid zu wissen. Dies ist nur der erste Schritt.


Ich verstehe das Bedürfnis eine einfache Antwort zu finden, wirklich. Doch sie sehen, was der Menschheit dieser Wunsch gebracht hat. Wir sollten das Gegenteil versuchen, wir sollten Verantwortung übernehmen. Verantwortung für uns selbst und Verantwortung für die Art, wie wir Komplexität reduzieren. Verantwortung für etwaige kollektive Ideen, die ihren subjektiven Wert verloren haben. Doch hierfür muss der Wert verschiedener kollektiver Ideen erkannt werden, womit wir zur richten Art und Weise kommen Komplexität zu verringern.


Die richtige Art Komplexität zu verringern



Komplexität sollte immer durch Verantwortung begegnet werden. Die eigene Wahrheit muss auch die eigene Haut aus Spiel setzten, ansonsten handelt es sich aller Voraussicht nach um eine Lüge.


Sprechen wir also darüber, wie man Komplexität managen sollte. Lassen sie uns danach über den Grund für die Komplexität sprechen und was die Freiheit für einen unfassbaren Beitrag zu unser aller Wohl geleistet hat. Denn letztlich ist es immer so, dass auch die schlechten Dinge einen Konterpart haben. Jede Freilassung hat negative und positive Folgen und so war die Freiheit für die Komplexität verantwortlich, ebenfalls aber auch für die unfassbaren schöpferischen Kräfte einer funktionierenden menschlichen Gesellschaft.


Die richtige Art Komplexität zu verringern sollte einer Reise gleichen. Es sollte die Suche nach der eigenen Wahrheit sein. Es ist die Reise des Individuums zu sich selbst. Durch die Texte von Jung, Mises, von Hayek, Solschenizyn, Girard, Voltaire, Nietzsche, Shakespeare, Hemingway und vielen mehr.


Eine christliche Welt mochte durch ein nützliches Oben und Unten eine gute Art und Weise geschaffen haben, Komplexität zu verringern, jedoch können wir nur schwerlich dazu zurückkehren. Meiner Meinung nach ist eine solche Rückkehr unmöglich, Antworten liegen nicht in der Vergangenheit und doch ist es notwendig wichtige und weise Kollektivideen aus ihr in die Gegenwart zu übertragen.


Dies alles ist eine Frage des Selbst. Denn letztlich ändert man die Welt nur, wenn man sich selbst ändert und nicht, wenn man versucht andere zu ändern. Es ist kein Wettkampf im moralistischen Relativismus, welcher versucht die Welt durch Gefühle zu erklären. In der Moderne mögen wir uns zu großen Teilen an diesem orientieren, doch es muss wichtigeres geben, als sich moralisch überlegen zu fühlen.


Unsere Universitäten und vor allem kollektivistische Denker versuchen uns von dem Gedanken zu überzeugen, dass wir ganze Systeme aus einem Kollektiv heraus verändern können. Dies können wir natürlich, aber nicht zum Besseren. Denn das Kollektiv kennt nur Zwang, es ist die falsche Art Komplexität zu verringern. Dennoch treiben Ideologien den Tor immer wieder zum Glauben an die Heiligkeit und Macht eines Kollektivs.


Der Tor handelt aus Beschränktheit töricht, er ist das Gegenteil des aufgeklärten Individuums. Ideologien bringen den Tor in Gefahr, diesen zu verfallen. Deshalb muss das Mantra eines aufgeklärten Menschen die Antitorheit sein. Es geht nicht darum, ohne Torheit zu leben, denn schon Erasmus von Rotterdam zeigte, wie langweilig dies sein kann. Es geht darum in den entscheidenden Situationen nicht töricht zu sein, sondern ein Antitor, ein aufgeklärter mit Vernunft gesegneter Denker. Die richtige Art Komplexität zu verringern, ist es Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung für das eigene Selbst, dies setzt aber voraus, dass man sich selbst kennt.


Doch wie wird ein Tor zum Ideologen? Nun er lernt die Welt auf eine Art zu erklären und erklärt sie dann nur noch auf diese. Er denkt seine Theorien nicht mehr zum Wahnsinn, wie es der Antitor tut. Denn sich zu fragen, was im schlimmsten Fall geschehen kann, wenn meine Vorstellungen auf Systeme und Individuen angewandt werden, ist die absolute Antwort, auf jedes ideologische Narrativ. Erst wenn diese Frage beantwortet ist, können sie wie ein Antitor denken und laufen nicht Gefahr eine ideologische Position innezuhalten. Denn letztlich ist es so, dass die Ideologen der schlimmsten Sorte immer glaubten, nur Gutes sei in ihnen vorhanden. Sie glaubten niemals fehltreten zu können, weil sie sich eben selbst nicht kannten. Gab es Torheit schon früher, sagen wir in einer christlichen Gesellschaft oder ist diese ein neues Phänomen?


Teil 2